Zeitungsformate
Akrobaten ohne Netz

Europäische Zeitungshäuser experimentieren mit Farbe, Form und Inhalt gegen den Leserschwund. Doch manche agieren tollkühn und riskieren am Ende die Existenz ihrer Zeitung.

von Michael Haller

Die letzten Tage des Mai 2007 waren drückend schwül in Frankfurt, viele Blogger plauderten über die Hitze, ein paar redeten über ein Zeitungsprojekt. »Das Tabloid-Format kommt mir sehr entgegen. Lässt sich viel besser im Zug lesen. Kommt doch auch keiner auf die Idee, das Format der SZ anzuprangern, weil die Bild genauso groß ist …«, teilte Claudia mit.

Der Thorben fand: »Hmpf, FR ist mir recht egal, aber wenn die anfangen, mir die Faz oder die Zeit zu beschneiden, dann werd ich grummelig …« Wenig später schrieb jemand: »Ist das Format so wichtig? Ich lese gern die Taz und die Süddeutsche, auf den Inhalt kommt es an. Und da hat mir die FR leider zu viel Agentur (DPA, SID) im Blatt, vor allem im Sport. Schwül ist’s im Prinzenbad!«. Die Stimme nennt sich Bademeisterin.

»Die letzte Chance«

Daraufhin schrieb Bronski, der virtuelle »Leserversteher« der Frankfurt Rundschau, wie es ist: »Sie geben einen repräsentativen Querschnitt durch die Positionen, die wir in der FR-Redaktion zum Thema ›neues Format‹ täglich hören: Es überwiegt Begeisterung, aber es gibt auch Skeptiker. Bleibt festzuhalten, dass vieles an den geäußerten Standpunkten Glaubenssache ist. Das neue Format muss sich in der Praxis bewähren – und mit Inhalten überzeugen.«

Vierzehn Kommentare versammelte der »Shopblogger« vom 26. bis zum 29. Mai 2007, ehe die Frankfurter Rundschau dann am 30. Mai vor zwei Jahren erstmals im halben nordischen Format erschien – dem sogenannten Tabloid.

Die mit der FR in Frankfurt konkurrierende Faz meinte mit blasiertem Unterton: »Zum ersten Mal ist die Frankfurter Rundschau als Tabloid erschienen. Die erste Titelseite gibt sich populär, das Konzept scheint an Sonntagszeitungen angelehnt. Die Umstellung auf das Halbformat war die letzte Chance für die krisengeplagte Tageszeitung.«

Prognosen entpuppten sich als Irrtümer

Man könnte nun mit einigen Bloggern der Meinung sein, dass es mit dem Format doch egal sei, solange der Inhalt stimme. Doch diese Ansicht trifft nicht zu. In überraschendem Ausmaß steuert das Zeitungsformat die Wahrnehmung der Leser und beeinflusst deren Informationsverhalten. Viel wichtiger aber noch sind die Konsequenzen für die Blattmache selbst: Ob sie es wahrhaben wollen oder nicht, die Redakteure machen im Halbformat eine ganz andere Zeitung als im großen nordischen Format.

Wie groß der Einfluss des Formats auf die Zeitungsmache ist, wissen wir inzwischen, nachdem in Europa mit der Formatumstellung Erfahrungen gesammelt werden konnten. Und so viel steht fest: Die meisten Prognosen und Ziele, die damals verkündet wurden, haben sich als Irrtümer erwiesen. Zeitungsmache und Zeitungslektüre funktionieren anders als gedacht.

Der junge Leser – ein Mysterium

Seit mehr als zehn Jahren zerbrechen sich Verlagsleiter und Chefredakteure die Köpfe, um Mittel und Wege zu finden, den Auflagen- und Reichweitenrückgang ihrer Tageszeitungen zu bremsen oder gar zu stoppen. Ihr Problem: Niemand kann ihnen zuverlässig sagen, woran es genau liegt, dass junge Erwachsene kaum noch Lust aufs Zeitungslesen haben. Liegt es wirklich am Internetangebot? Ist der Grund die Beschleunigung der Alltagskommunikation, die vor allem junge Leute toll finden, den langsamen Rhythmus der Zeitung indessen verschnarcht? Hängt es mit dem Rückgang der Lesekompetenz bei Jugendlichen zusammen? Oder könnte es sein, dass die Aufmachung der Zeitungen, auch ihre Art der Berichterstattung, junge Menschen nicht (mehr) interessant finden?

In München startete Mitte Mai der Axel Springer-Verlag das komische Experiment, die Bild-Zeitung auf die Hälfte zu verkleinern und im Straßenverkauf anzubieten: Die Not gebiert die verrücktesten Ideen.

Konfektionierte Häppchen

Dass der Leseanreiz der Zeitung vielleicht auch vom Format des Blattes abhängen könne, auf diese Idee kam als erster der britische Journalist Simon Kelner. Er begann als Sport-Reporter und wechselte als 29-Jähriger zur erst wenige Jahre zuvor gegründeten Erfolgszeitung Independent. 13 Jahre später, 1989, wurde er deren Chefredakteur.

Alles ging gut, die Auflage stieg bis 2002 auf rund 262.000 Exemplare, dann war die Luft raus. Wäre das Blatt etwas handlicher und übersichtlicher, dann …

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