Henri-Nannen-Preis
Abgezockt von Ausgebrannten

Protokoll einer hartnäckigen Recherche über die Hintergründe der Finanzkrise: Dubiose Kredite, knallharter Betriebsdruck und Investmentberater, die ihre Kunden belügen und betrügen.

von Melanie Bergermann

Die ersten Mails laufen am Samstag, dem 2. Februar 2008, ein. Binnen weniger Tage werden es hunderte. Mehr als 460 Kommentare finden sich heute unter der Story »Ich habe sie betrogen« auf der Webseite der Wirtschaftswoche. Kunden und Bankmitarbeiter bestätigen dort, dass in vielen Filialen großer und kleiner Kreditinstitute Zustände herrschen wie in einer Drückerkolonne. »Es tut weh, sein Brot damit zu verdienen, Leute zu belügen«, schreibt ein ehemaliger Bankberater. Ein anderer klagt: »Die Bank hat mich krank gemacht. Es geht um Nötigung und Erpressung von Mitarbeitern und Betrug am Bankkunden.« Von Schlaflosigkeit, permanenten Angstzuständen, Burn-outs und an Dauerstress zerbrochenen Ehen berichten die Angestellten – so wie meine Informanten, für die ihr einstiger Traumberuf Banker zum täglichen Albtraum geworden ist.

Einziger Zweck: Die Erträge hochtreiben

Am späten Donnerstagabend ging die Titelstory in den Druck. Berater aus dutzenden Filialen unterschiedlicher Banken in Deutschland hatten erstmals ausgepackt, wie sie unter dem Vertriebs-druck ihrer Vorgesetzten und aus Angst um ihren Arbeitsplatz die Kunden systematisch über den Tisch ziehen und ihnen Produkte verkaufen, die nur einen Zweck erfüllen – die Erträge der Bank hochzutreiben.

Meine größte Sorge in den Tagen nach Druckschluss war: Konnten die Bankmitarbeiter, die mir ihre Lage offenbart und dabei ihren Job riskiert hatten, durch den Artikel enttarnt werden? Mehrmals hatte ich den Text nach Hinweisen durchforstet, atmosphärische Passagen gestrichen und Ortsangaben verallgemeinert, denn selbst scheinbar belanglose Details konnten einen Informanten entlarven. Die Sorgfalt lohnte sich, niemand flog auf.

Echte Kunden in die Insolvenz getrieben

Der Ausgangspunkt meiner Recherche war mehr als ein Jahr zuvor eine Story über das Wuchergeschäft mit Konsumentenkrediten in Deutschland. Kunden mit schlechter Bonität hochverzinste Ratenkredite zu verkaufen, hat vor allem in den USA Tradition und war einer der Auslöser der Subprime-Krise. Inzwischen häufen sich auch in Deutschland zweifelhafte Angebote von Konsumentenkreditbanken.

Um herauszufinden, wie Banken Kunden, die sich eigentlich keinen Kredit leisten können, teure Darlehen andrehen, spielte ich eine Testkundin mit geringem Einkommen, hohen Fixkosten und befristetem Arbeitsvertrag. Ich bekam dennoch Kredit – auf gelegentlich dubiose Weise. So erklärte mir ein Bankberater, er müsse sich noch die Genehmigung von seinem Chef holen: »Gehen wir doch gleich in sein Büro, aber tun Sie da einfach so, als ob Sie schon eine Zusage für einen unbefristeten Arbeitsvertrag haben.« Ich bekam einen Ratenkredit, der eine echte Kundin in die Privatinsolvenz getrieben hätte. Die monatlichen Raten lagen weit über der Pfändungsgrenze und dem frei verfügbaren Einkommen.

Reich wurden die Bankberater nicht

Zwei Fragen ließen mich danach nicht mehr los: Warum greifen Bankberater zu solchen Mitteln, die dem Kunden schaden, und wenn es zum Ausfall kommt auch der Bank? Reich werden sie dabei nicht. Und: Ist das Konsumentenkreditgeschäft ein Einzelfall, oder grassiert die Abzocke in der gesamten Bankenbranche?

Das erste Indiz, das diesen Verdacht erhärtete, lieferten die Kreditinstitute selbst. In den vergangenen Jahren wurden die Vorstände von Deutscher bis Dresdner Bank nicht müde, höhere Erträge im Privatkundengeschäft zu versprechen – allerdings ohne zusätzliche Bankmitarbeiter einzustellen oder neue Filialen zu eröffnen. Die Berater in den Filialen sollten die Zahl der verkauften Produkte pro Kunde steigern. Doch wie sollte das funktionieren? Waren wir als Verbraucher wirklich katastrophal unterversorgt mit Finanzprodukten? Hatten sich die Bankberater bislang einen lauen Lenz gemacht?

Von Beratung auf Verkauf getrimmt

In den kommenden Monaten führte ich immer wieder Gespräche mit Unternehmensberatern oder ließ die Fragen in ohnehin geplante Interviews einfließen. Denn ein Großteil der Recherche fand neben dem aktuellen Tagesgeschäft statt; nur gelegentlich konnte ich ein paar Tage am Stück freischlagen, schließlich kristallisierte sich erst im Lauf der Zeit die wirkliche Brisanz der Story heraus.

Mir wurde schnell klar, dass die Banken …

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