Ukraine-Konflikt
»Es dominierte der Maidan«

Fallschirm-Journalisten können die Lage in der Ukraine kaum beurteilen, sagt Moritz Gathmann. Im Interview erklärt er, wie der Maidan den Blick der Reporter vernebelte, Vitali Klitschko zum Gesicht der Opposition avancierte und das deutsche Korrespondentennetz zur Ader gelassen wird.

von Lutz Mükke

Herr Gathmann, Sie sind ein Profi. War der Rausschmiss bei Zeit Online als freier Autor nicht abzusehen?
Gathmann: Nein, das war er nicht. Von dem »Code of Conduct«, den es intern bei Zeit Online gibt, habe ich erstmals am Tag meiner Entlassung gehört. Eine Sache noch: Es ist nicht ganz richtig, von Rausschmiss oder Kündigung zu sprechen – ich hatte ja nie einen Vertrag, sondern war als freier Journalist tätig.

Was hatten Sie denn erwartet? Sie kennen das Trennungsgebot zwischen PR und Journalismus, und im Ukraine-Konflikt spielt Propaganda eine große Rolle. Dass die Redaktionen jetzt genauer hinschauen, musste Ihnen doch klar gewesen sein …
Mir war stets bewusst, dass die Tätigkeit als Gastredakteur bei Russland Heute eine Achillesferse ist, die jene, die mir schaden wollen, bei Bedarf nutzen können. Was nun auch geschehen ist. Aber die regelmäßige Tätigkeit für Russland Heute gab mir lange Zeit die Möglichkeit, mich in der übrigen Arbeitszeit mit »reinem«, aber schlechter bezahltem Journalismus zu beschäftigen. Eine Sache auch noch zu Russland Heute: Bis auf wenige Artikel, mit denen ich nicht einverstanden war, fand ich, dass das Blatt immer ein ausgewogenes Bild der Verhältnisse in Russland vermittelt hat. Seit der heißen Phase des Konfliktes um die Ukraine hatte ich mich ohnehin mit dem Gedanken getragen, die Tätigkeit für Russland Heute einzustellen, weil ich merkte, dass die Polarisierung bezüglich Russland in Deutschland immer stärker wurde. Aber ehrlich gesagt: Ich war so stark mit der Ukraine-Berichterstattung vor Ort beschäftigt, dass mir die Zeit fehlte, einmal gründlich nachzudenken und zu dem richtigen Schluss zu kommen.

Wie reagierte die Journalisten-Community auf Ihren Rausschmiss?
Ich bekomme sehr viel Unterstützung, privat wie auch öffentlich. Auch mehrere Redaktionen haben mir den Rücken gestärkt. Die Betonung liegt darauf, dass sie sehr überzeugt sind von meiner Kompetenz.

Und was sagen die Macher von Russland Heute?
Ich habe die Konsequenz gezogen und die Zusammenarbeit beendet. Die Redakteure von Russland Heute bedauern die Entscheidung, können sie aber nachvollziehen.

Reden wir über Vitali Klitschko. Wer berät ihn?
Vitali Klitschko wurde seit Beginn der Proteste unter anderem von dem Franzosen Raphaël Glucksmann beraten. Dieser war zuvor über Jahre Berater des früheren georgischen Präsidenten Micheil Saakaschwili. Daneben berät ihn auch ein ukrainisches Team.

Glucksmann wechselte die Seite. Erst war er Journalist, heute ist er PR-Berater. Macht er seinen Job im Fall Klitschko gut?
Ich kann von außen nur das Ergebnis beurteilen. Und das ist sicher in Klitschkos Sinn.

Klitschko tritt im Vergleich zu anderen ukrainischen Politikern oft und auffällig prominent in deutschen Medien auf …
Das ist richtig. Die Inszenierung Klitschkos als die Nummer eins unter den Oppositionsführern war und ist nicht angemessen. Seine angedichtete Macherrolle hat insbesondere in den ersten Wochen der Maidan-Berichterstattung nicht den realen Machtverhältnissen auf politischer Ebene entsprochen. Derzeit liegt er in Umfragen auf Platz 2 hinter dem Oligarchen Pjotr Poroschenko, aber auch nur, weil Julia Timoschenko noch nicht voll in das Rennen um das Präsidentenamt eingestiegen ist.

Wer dichtet Klitschko denn diese Rolle an, und warum?
Klitschko ist aufgrund seiner Boxerkarriere ein international bekannter Name, und Journalisten erzählen nun einmal gern Heldengeschichten oder auch Antiheldengeschichten. Wir Journalisten bauen gern Persönlichkeiten auf, weil wir über diese Helden dann Situationen beschreiben können. Und dazu eignete sich von den drei führenden ukrainischen Oppositionellen eigentlich nur Klitschko, zumal er fließend Deutsch spricht.

Also haben Journalisten diese Verzerrungen ganz ohne Not selbst produziert?
Ich befürchte ja […]

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