Recherche
Tengelmanns Schweigen

»Händler des Jahres«? Erst durch die Recherche des NDR, die zu Zeitzeugen und in Archive führte, wurde die NS-Vergangenheit des Handelskonzerns bekannt. Ein Rechercheprotokoll.

von Sabine Puls

Der ehemalige NDR-Chefreporter Christoph Lütgert sitzt im Archiv, blättert durch alte Chroniken, betrachtet vergilbte Fotos aus der Geschichte des Unternehmens Tengelmann, das seit fünf Generationen einer Familie gehört. Mit dieser Szene beginnt der Film »Die Akte Tengelmann«, den der NDR im Dezember 2011 ausstrahlte. Ein Film, der den Aufstieg des Unternehmens von einer kleinen Handelsfirma zum Konzern nachzeichnete und monatelange Recherchen, aus denen auch die preisgekrönte Reportage »Die KiK-Story« hervorgegangen war, abschloss.

Der Textil-Discounter KiK ist das erfolgreichste Investment von Tengelmann-Chef Karl-Erivan Haub, sein »Baby«, wie er immer wieder öffentlich betonte. Als wir mit der »KiK-Story« im August 2010 massive Missstände aufdeckten, reagierte Haub in Interviews ungehalten. Aber er kündigte an, in Zukunft besser mit der Presse zusammenzuarbeiten und sich Vorwürfen stellen zu wollen.

Fast ein Jahr später war es soweit. In Mülheim an der Ruhr hatte Tengelmann zur jährlichen Bilanzpressekonferenz geladen. Ich reiste an – um mir ein erstes Bild von Haub zu machen und im Anschluss ein Interview zu führen. Ich wollte wissen, wie der Milliardär tickte, wollte ihn zu den damaligen Vorwürfen aus der »KiK-Story« befragen, seine Standpunkte erfahren. Zehn Minuten gab mir seine Pressestelle für das Interview. Immerhin.

Ich lernte einen freundlichen, aber auch knallharten Geschäftsmann kennen, der KiK nahezu bedingungslos verteidigte, obwohl sich der Textil-Discounter längst für seine Fehler in der Vergangenheit entschuldigt hatte.

KiK, so sagte er, sei »ein Unternehmen, das nicht unter dem Dach der Tengelmann-Gruppe wäre, wenn es so wäre, wie es manchmal dargestellt wird«. Dieses Interview und der Besuch der Pressekonferenz waren der Auftakt zu unseren Recherchen für »Die Akte Tengelmann«. Haub selbst hatte dazu den Startschuss gegeben.

So hatte er in der Bilanzpressekonferenz getönt, KiK, »man höre und staune, dieser viel gescholtene Textil-Discounter«, sei »von 48.000 Verbrauchern zum Händler des Jahres ausgezeichnet worden«. Haub genoss es sichtlich, diese Nachricht zu verkünden, das sei »vielleicht auch ein bisschen Balsam auf die Seele der Mitarbeiter, die doch letztes Jahr unter dieser Negativberichterstattung gelitten haben«. Stolz – eben ganz der gewiefte Verkäufer – hielt er die Ernennungsurkunde in die Kameras.

Doch mir kamen Zweifel. Ein solch großer Kundenzuspruch nach der Berichterstattung über Ausbeutung und Mitarbeiter-Bespitzelung? Das passte nicht zusammen …

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