Nachgefragt
Maximale Verantwortung

Wie berichten Journalisten aus anderen europäischen Ländern über rechtsextremistische Parteien, Straftaten und Entwicklungen? Message fragte Kollegen aus Russland, Frankreich und Tschechien über ihre Erfahrungen in diesem heiklen Themenfeld.

Das Thema Rechtsextremismus behandeln wir bei Le Monde nach professionellen Prinzipien. Zentral dabei sind hintergründige Recherchen. Wir folgen jedoch nicht jedem kleinen Ereignis, sondern berichten über bedeutende Geschehnisse.

Ich selbst berichte viel über die Versammlungen der Nationalen Front. Ich verfolge kontinuierlich alle ihre Aktionen, bewerte ihr Programm und prüfe, ob es der Realität standhält. Wenn ich Unwahrheiten oder Ungereimtheiten entdecke, thematisiere ich sie. Zum Beispiel nannte Marie Le Pen, die Parteivorsitzende der Nationalen Front, falsche Zahlen über die Kosten der Immigration in Frankreich. So etwas passiert gelegentlich, und es ist meine Aufgabe, das zu korrigieren. Die Nationale Front ist drittgrößte Partei in Frankreich, und Marie Le Pen ist so populär, dass sie tatsächlich Chancen hätte, die Präsidentschaftswahlen zu gewinnen. Ich sehe es als meine Pflicht, diese Bewegung transparent zu machen. Die Partei wird behandelt wie jede andere Partei in Frankreich, auch wenn sie klar ins rechtsradikale Spektrum gehört. Wenn ich über gewaltbereite Neonazibewegungen schreibe, halte ich mich an die Fakten. Ich übertreibe die Brutalität nicht. Die Devise: Fakten sind Informationen. Aber auch analytische Hintergründe halte ich für wichtig. Ich glaube, Leser sollten wissen, wie diese Bewegungen ihre Ideologie entwickelten.

Abel Mestre ist bei Le Monde in Paris spezialisiert auf Rechtsextremismus.

Wir wollen Rechtsextremen bei Právo keine Plattform bieten. Wir berichten über das Wahlprogramm rechtsradikaler Parteien zwar genauso wie über alle anderen Parteien. Allerdings drucken wir keine Details. Schlimme Übergriffe, etwa auf Romakinder, kommentieren wir immer. Dazu holen wir selbstverständlich immer Meinungen von Experten aus Universitäten oder von Nichtregierungsorganisationen ein.

Wir möchten über diese Bewegungen aufklären. Die Schulbildung lässt hier deutliche Lücken. In diesem Sinne fühlen wir uns dem Thema auch verpflichtet, um dort virulente Defizite auszugleichen. So berichten wir über die Ideologie von Neonazis oder beispielsweise auch über deren Symboliken wie die Ziffer 8. Auch versuchen wir zu erklären, warum etwa tschechische Nazis zum Grabstein von Rudolf Hess pilgern.

Im Kern folgen wir bei Právo vier Leitlinien. Erstens wollen wir fernab jeglicher Propaganda unsere Leser informieren. Zweitens wollen wir rechtsextreme Entwicklungen kommentieren. Drittens sollte Rechtsextremismus weder unter- noch überschätzt werden. Die Berichterstattung verdient Raum, aber nicht so viel, wie anderen politischen Themen zusteht, etwa Korruption. Und viertens sollte jede Geschichte kontinuierlich bis zum Ende verfolgt werden.

Vladimir Plesnik ist Leiter des Auslandsressorts bei Právo in Prag.

In Russland gibt es ein Problem damit, wie die Bevölkerung Verbrechen von Rechten wahrnimmt. Das mag auch daran liegen, in welcher Art und Weise eine orthodoxe Bevölkerung mit Menschen aus muslimischen Ländern zusammentrifft. Die einen fühlen sich bedroht, die anderen sehen keine Perspektive – das führt zu Kriminalität. Die Bevölkerung empfindet daher oft so etwas wie Empathie für die Nationalisten. Unter diesen Umständen muss ein Journalist dieses Thema mit maximaler Verantwortung behandeln. Neonazis nutzen oft Gerichtsverhandlungen zur Propaganda für ihre Ansichten. Wenn die Beweislage für ihre Schuld erdrückend ist, geben sie eben direkt zu, jemanden getötet oder geschlagen zu haben – aus Liebe zu ihrer Heimat. Und dann fangen sie an, Statistiken von Verbrechen von Migranten aufzuzählen. Bei einer schwachen Beweislage fangen sogar Anwälte an zu behaupten, die Angeklagten seien einfach nur Patrioten, die man zu Verbrechern machen wolle. Die Botschaft von Ultrarechten ist in jedem Fall sehr einfach: »Wir sind eigentlich Helden, weil wir unser Volk vor Verbrechern und illegalen Einwanderern schützen.«

Diese Logik wird von einigen Boulevard-Journalisten in verständnisvollen Kommentaren auch genau so präsentiert. Als verantwortungsvoller Journalist muss man hier objektiv dagegenhalten. Es hilft, die Verbrechen möglichst detailliert und berichtend zu beschreiben. Rechtsextreme begehen ihre Taten ja auch meist nicht an ausländischen Verbrechern und Drogendealern, sondern an den schwächsten unter den Migranten. Wichtig ist mir, den Kontrast zwischen pathetischen Statements von Mördern und ihren realen Taten zu zeigen. Durch journalistische Analyse muss dem Leser klar werden, dass hinter diesen »edelmütigen« Typen eiskalte Mörder stecken. Wenn Angeklagte im Raum »Sieg Heil« schreien, ihren rechten Arm hochreißen oder Tattoos mit Hakenkreuz tragen, muss man dies unbedingt in der Berichterstattung erwähnen. Da Deutsche einst die Feinde waren, kommt vielen Russen dann die Galle hoch.

Die Hauptgefahr für Journalisten ist, auf die primitive Ideologie von Ultrarechten mit primitiver, unreflektierter Nacherzählung zu reagieren. Wenn man die Logik der Rechten jedoch auseinandernimmt, wird sogar einem Boulevardleser nicht entgehen, wie widersprüchlich und menschenverachtend diese ist.

Alexander Chernykh arbeitet für die russische Tageszeitung Kommersant und schreibt häufig über das Thema Rechtsextremismus.

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