Freie Journalisten
Stall oder Wildbahn?

Angestellte Redakteure und freie Journalisten spielenunterschiedliche Rollen und sitzen doch im selben Boot. Einfache Regelnkönnten helfen, dass beide sich nicht unversöhnlichgegenüberstehen.

von Kai Schächtele

Wenn man Sprache in ein System von Paragrafen und Gesetzen packenkönnte, wäre alles viel einfacher. Was in einemjournalistischen Text abseits belegbarer Fakten richtig ist und wasfalsch, was geht und was nicht, ließe sich auf der Grundlagefestgeschriebener Kriterien ermitteln. Nach diesem Motto könnteman über diesen Text fragen: »Ist der Einstiegknackig?«

»Ja, nach Paragraf 89a des Journalistischen Gesetzbuches in derFassung vom 2. Januar 2002 handelt es sich um einen ansprechendenAnfang.«Viele Auseinandersetzungen zwischen Redakteuren und Autorenließen sich wohl vermeiden, wenn sich beide Seiten bei ihrerArbeit auf solche Normen verlassen könnten. Doch wie viellangweiliger wäre der Journalismus, wenn Regelwerke wie WolfSchneiders »Deutsch für Profis« tatsächlichrechtsverbindlichen Charakter hätten.

Persönlicher Geschmack versus Blattlinie

Der Journalismus lebt davon, dass jeden Tag aufs Neue um dieschlauesten Gedanken, die bestmöglichen Formulierungen und denschlüssigsten Aufbau für eine Reportage, eine Nachricht odereinen Kommentar gerungen wird. Dabei spielen individueller Geschmackund persönliche Vorlieben genauso eine Rolle wie die Linie einesBlattes und dessen jeweilige Traditionen. All das unter einen Hut zubekommen, kann innerhalb einer Redaktion und ihren vielen Instanzenschon anstrengend genug werden. Noch komplizierter wird es, wennRedakteure mit externen Autoren zusammenarbeiten. Denn oft treffenAkteure auf­einander, die sich gegenseitig mit Misstrauenbeäugen und im Stillen vorhalten, nichts von ihrem Beruf zuverstehen. Darunter leiden aber nicht nur die Akteure selbst, sondernauch das Produkt, der Text, und schließlich der Journalismus.Dabei braucht es kein Gesetzeswerk für eine professionelleZusammenarbeit. Es würde schon reichen, wenn sich beide Seiten– und sei es nur für einen kurzen Moment – in dieRolle der anderen hineinversetzten und ein paar Verabredungeneinhielten.

Unterschiedliche Rollen

Das Verhältnis zwischen Autoren und Redakteuren leidet oftunter einer grundsätzlichen Schwierigkeit, nämlich ihremunterschied­lichen Rollen­verhalten: Freie Journalisten undihre fest angestellten Kollegen verhalten sich zueinander wie Wild- undHausschweine. Wildschweine lieben ihre Frei­heit, sie streunendurch den Wald, reiben ihr Fell an den Rinden der Bäume undschlafen friedlich grunzend dort ein, wo sie gerade liegen. Fürihr Futter müssen sie selbst sorgen, niemand kümmert sich umsie, wenn sie sich bei ihren Wanderungen einen Lauf eingeklemmt haben;wenn es kalt wird, macht niemand Feuer, an dem sie sich eine Zeitlangwärmen könnten. Wäre das Leben als Haus­schweinfür sie eine Alternative? Um Gottes willen.

Hausschweine haben zwar stets ein Dach über dem Kopf, siewerden regelmäßig mit Futter versorgt, und wenn sieGlück haben, streichelt man ihnen zärtlich den Kopf. Doch Tagein, Tag aus stehen sie auf derselben Stelle auf viel zu engem Raum,und wenn der Bauer denkt, es sei an der Zeit, werden siege­­schlachtet. Ins­geheim sind Hausschweine aber trotzdemüberzeugt, dass jedes Wild­­­­­­schweinsofort mit ihnen tauschen wür­de. Die Freiheitsliebe sei dochnur vorgeschoben und in Wahrheit doch nur kein Bauer bereit, ihm denStall zu öffnen. Wildschweine, so die Überzeugung derHausschweine, leben nur so lange im Wald, wie sie müssen.

»Kürzt Ihr mal lieber«

Hausschweine, wissen wiederum die Wildschweine, haben nur nicht genugMut für ein Leben in Freiheit. Zwischen Wild- und Hausschweinenauf der einen und freien Journalisten und Redakteuren auf der anderenSeite gibt es eigentlich nur einen Unterschied: Wild- und Hausschweinesind nicht gezwungen, gemeinsam an Texten zu arbeiten.

Wenn man Redakteure nach ihren Erfahrungen mit freienJournalisten befragt, kann man mitunter nur staunen: Texte kommen ohneAnkündigung und ein Wort des Bedauerns drei Tage nach demverabredeten Liefertermin, sie sind um ein Vielfaches länger alsverabredet (»Bin betriebsblind. Kürzt ihr mallieber!«) und so stramm an der verabredeten Ausrichtung vorbeigeschrieben, dass man das Stück eigentlich komplett neu schreibenmüsste. Solche Autoren bitten, nachzubessern, hat wenig Sinn. DieTexte werden für gewöhnlich nicht besser, sondern nur andersschlecht.

Auf der anderen Seite bleibt einem genauso oft der Mund offen stehen,wenn man sich unter Freien nach ihren bizarrsten Erfahrungen erkundigt.Redakteure bestellen kurzfristig einen Text zu einem bestimmten Termin(»Es ist wirklich ganz dringend!«), stellen sich nachLieferung aber tot, weil das Stück am Ende dann doch nicht in dieBlattmischung gepasst hat.

Ein paar Wochen später erscheint das Stück in entstellterForm und selbstverständlich ohne jede Absprache mit dem Autor.Oder: Der Redakteur überarbeitet den Text, indem er wenigerversucht, das Beste aus dem Stück herauszuholen, sondern dem Bildhinterherredigiert, das er von Beginn an im Kopf hatte, ohne eskommuniziert zu haben. Auf den Einwand, dass das keine professionelleZusammen­arbeit auf Augenhöhe sei, erwidert er, dass denFreien ja niemand gezwungen habe, den Auftrag anzunehmen. ÜberMarotten wie die, dass Texte nicht nach Lieferung bezahlt werden,sondern erst nach Druck, können sich viele Freie schon gar nichtmehr ereifern, weil man dann aus dem Ereifern kaum nochherauskäme.

Wolke der Überforderung

Wer heute als Redakteur arbeitet, tut dies vielerorts in einemTeam, das notorisch unterbesetzt ist und über dem deshalb dasGefühl der Überforderung hängt wie eine schwere Wolke.Hier eine Konferenz, dort ein überlaufendes E-Mail-Fach, hier einRedaktionsleiter, der neue Themenvorschläge verlangt, dort eineOnline-Redaktion, die noch um einen Text bittet. Ein Autor, der es demRedakteur noch zusätzlich dadurch erschwert, dass er seinStück gegen jede umfängliche, inhaltliche und zeitlicheVerabredung liefert, ist kein Geschäftspartner, sondern einStressfaktor.

Ein freier Journalist …

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