Bildethik
Tod und Leid auf Seite eins

Dürfen Bilder von Kriegs- und Katastrophenopfern zum Frühstück im friedlichen Deutschland gereicht werden? Studien zeigen, dass sie Leser und Zuschauer verstören und Ängste auslösen können.

von Holger Isermann und Thomas Knieper

»Israel droht mit ›Krieg bis zum bitteren Ende‹« – so lautet die Titelzeile der Süddeutschen Zeitung am 30. Dezember 2008. Über dem Artikel das Aufmacherbild: Es zeigt die palästinensische Mutter Samera Baalusha. Sie weint um ihre vierjährige Tochter Jawaher, die bei einem israelischen Luftangriff getötet wurde. Ihr gerade einmal 14 Monate alter Sohn Mohamad hat schwer verletzt überlebt und schaut schmerzverzerrt in die Kamera.

Nicht einmal vor unschuldigen Kindern macht der Gaza-Krieg halt: Das ist die Botschaft, die das Bild dem Leser entgegenschreit. Es rüttelt wach und berührt, wie dies schwarze Lettern nur schwerlich könnten. Der Tod auf Seite eins: Die Süddeutsche mutet ihren Lesern ein Grauen zu, das diese möglicherweise überfordert, abschreckt – und vielleicht sogar traumatisiert. Ist die Redaktion mit dem Abdruck des Bildes zu weit gegangen? Hat sie ethische Grenzen überschritten? Dürfen die Opfer im intimen Moment des Leidens und des Todes zur Frühstückslektüre im friedlichen Deutschland gereicht werden?

Die drei Siebe

Das SZ-Bild stellt längst nicht die Spitze des gedruckten Grauens dar. Die Enthauptung Nick Bergs, die Opfer der Tsunami-Katastrophe – ganz zu schweigen von der Amok-Katastrophe von Winnenden: All diese Bilder bewegen sich entlang ethischer und moralischer Grenzen. Manche überschreiten sie.

Eine mögliche Hilfe zur Einordnung bieten die sogenannten drei Siebe des Sokrates. Im Prinzip verbergen sich dahinter drei Fragen, die es zu beantworten gilt, bevor ein Bild abgedruckt wird:

  • Entspricht das Bild in seiner Form einer subjektiven Augenzeugenschaft der Wahrheit?
  • Entspricht der Abdruck des Fotos dem Guten?
  • Ist es notwendig, das Foto abzudrucken?

Das Ereignis hinterfragen

Bei der Beantwortung der ersten Frage gilt zu berücksichtigen, dass alle Fotos Realitätskonstruktionen darstellen. Je nach Sehkonvention, Kamera, verwendetem Material, Zeitpunkt der Aufnahme und insbesondere Selektion des Motivs können vom gleichen Ereignis sehr unterschiedliche Bilder existieren.

Im Falle der Kriegsberichterstattung ist allerdings entscheidender, zunächst das Ereignis selbst zu hinterfragen: Ist der Fotograf Zeuge einer wahren Begebenheit gewesen oder einer Inszenierung für die Medien? Weil visuelle Zeugnisse den betroffenen Kriegsparteien als Legitimation des eigenen und zur Verurteilung des Handelns der anderen Partei dienen können, sind Inszenierungen heute an der Tagesordnung.

Gerade der arabische Nachrichtensender Al-Dschasira betätigt sich durch abschreckende Bilder immer wieder als Anwalt für die Opfer US-amerikanischer und israelischer Militärangriffe. Dabeit strahlt er auch auf westliche Zeitungen und Fernsehsender aus. Zumal, wenn der Sender die einzigen Reporter im Krisengebiet stellt, wie während der Operation Desert Fox – einem mehrtätigen Bombardement des Iraks durch die USA und Großbritannien im Jahr 1998.

Den Vorwurf der einseitigen Berichterstattung konnte der Sender nie richtig abstreifen. Dazu kommt, dass etwa bei Berichten aus dem Gaza-Streifen viele Fernsehsender, aber auch Nachrichtenagenturen wie Reuters, fast ausschließlich mit palästinensischen Kameramännern zusammenarbeiten.
Dieselbe Einseitigkeit gilt auch für die Berichte von Reportern, die »embedded« mit dem …

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