Recherche
Mit Risiken und Nebenwirkungen

Zwei ZDF-Reporter dokumentieren rüde PR-Methoden in der Pharmaindustrie und Schleichwerbung in den Medien. Als Antwort kommt eine PR-Kampagne und Gegenfeuer aus dem Journalismus.

von Manuel Thomä

Berlin im Spätsommer 2009. Mit röhrendem Motor durchpflügt ein Boot der Wasserschutzpolizei die Spree und steuert auf die Reporter Astrid Randerath und Christian Esser zu. Die beiden ZDF-Autoren filmen gerade aus einiger Entfernung ein Abendessen des Verbands Forschender Arzneimittelhersteller, der Mitarbeiter von Ministerien und Bundestagsabgeordnete auf den Ausflugsdampfer »Bellevue« eingeladen hatte.

Ein Polizist fordert sie auf, die Kamera auszuschalten. Die Beamten nehmen die Personalien der Journalisten auf. Die Polizeiaktion dauert rund eine Stunde; das von der Pharma-Lobby gecharterte Schiff ist längst hinter der nächsten Flussbiegung verschwunden. Einige Fahrgäste dürften froh gewesen sein, die unliebsamen Beobachter losgeworden zu sein. Sie hatten sich durch die Filmaufnahmen der Reporter belästigt gefühlt; die Besatzung des Dampfers hatte daraufhin die Berliner Polizei gerufen.

Es sollten nicht die Einzigen bleiben, die ein Problem mit den Recherchen der beiden Reporter hatten.

»Mafiöse Strukturen«

»Das ist eben keine Reiseredaktion«, sagt Christian Esser einige Wochen später im Message-Gespräch. Dass er das ganze Tam-Tam um die Dokumentation so locker wegsteckt, ist schwer zu glauben. Im August des vergangenen Jahres nahmen die beiden Journalisten die Recherchen zu ihrer Frontal-21-Dokumentation »Das Pharma-Kartell« auf.

Ihr Film erzählt von tödlichen Nebenwirkungen einiger Medikamente, von Bestechungsversuchen gegen Arzneimittelhersteller und deren Bakschischzahlungen an Selbsthilfegruppen. Ein Kriminalbeamter beklagt »mafiöse Strukturen«, mit denen die Pharmabranche Entscheidungsträger unter Druck setze. Ein ehemaliger Beamter schildert vor laufender Kamera, wie er den Staatsschutz einschalten musste, um obskure Verfolger aus der Pharmaindustrie loszuwerden. Auch Zeitschriften kommen darin vor, die am Geschäft mit der Krankheit verdienen: Blätter der Verlage Bauer, Condé Nast und Wort und Bild.

Nebenwirkung Suizid

Die Autoren haben ein weites Informanten-netzwerk. Auch zu Patienten und Angehörigen wie Lothar Schröder. Vor einigen Jahren hatte seine Frau ihre Arbeitsstelle verloren und sich gelegentlich betrübt und antriebsschwach gefühlt. Ihr Arzt hatte ihr das Antidepressivum Zoloft verschrieben, das in seltenen Fällen zum Suizid führen kann. Zwei Wochen nach der Einnahme hatte sie sich auf ein Bahngleis gelegt und von einem Zug überollen lassen.

Als Esser und Randerath den Witwer mit einem Kamerateam besuchten, zeigte der ihnen eine Schachtel mit Dingen seiner Frau, die er aufbewahrte. Darin lagen Zettel und Briefe, eine Packung Zoloft und eine Ausgabe der Apotheken-Umschau mit dem Titel »Seele im Tief. Depression früh erkennen und behandeln«.

Die Autoren fragten ihn, was es mit der Apotheken-Umschau auf sich habe. Schröder antwortete, er glaube damals wie heute, dass seine Frau das Medikament nicht genommen hätte, wenn sie nicht in dieser Ausgabe der Apotheken-Umschau darüber gelesen hätte.

Später heißt es von Seiten der Apotheken-Umschau, die Autoren hätten »den tragischen Fall eines Witwers instrumentalisiert« und »dies manipulativ mit einem Artikel der Apotheken-Umschau in Verbindung« gebracht.

Lange Liste mit Nebenwirkungen

Die Autoren beschreiben auch die Nebenwirkungen eines weiteren Medikaments namens Strattera, das Kinder und Jugendliche mit ADHS-Befund den ganzen Tag lang ruhig stellen soll. Tausende Kinder nehmen Strattera in Deutschland, weltweit sind es geschätzte 3,5 Millionen. Für den Hersteller Eli Lilly ein Riesengeschäft.

Kritiker meinen, dass die starke Arznei bei im Prinzip gesunden Kindern eingesetzt werde, die nur zappelig und unruhig seien, die sich schlecht …

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