Editorial

Liebe Leserinnen, Liebe Leser
Michael Haller

es ereignen sich ja jeden Tag so viele wichtige Dinge, dass Sie sich vermutlich kaum noch an einen der zahllosen Sprüche des Chefs der »Krawallpartei« (Süddeutsche), also des Horst Seehofer erinnern, der am 20 März bei einer Parteiveranstaltung fand, die SPD könne ja jederzeit die Koalition verlassen, wenn diese ihr nicht mehr schmecke. Sehr banal, sehr trivial. Plump auch der Querpass der FDP, nun gleich die Neuwahlen vorzuziehen. Polemiken wie diese gehören in Wahlkampfzeiten zum politischen Alltagsgerede, das weiß jeder Volontär.

Journalisten scheinen es nicht zu wissen. Google News zählte in den folgenden vier Tagen 728 Zeitungsberichte, die sich auf Seehofer bezogen und über das denkbare oder unmittelbar bevorstehenden Ende der »zerrütteten« Koalition Zitatenberichte, Interviews, Hintergrundanalysen und Kommentare unterschiedlichster Gedankentiefe publizierten. Typische Schlagzeilen: »SPD und Union überbieten sich mit ihren Angriffen« – tja, wie? Genau so: »mit einem Schlagabtausch, der in seiner populistischen Heftigkeit Maßstäbe setzt« (Hamburger Abendblatt vom 26. März).

Inzwischen sind wir nochmals einige Wochen näher an die Wahlen herangerückt, eigentlich müsste aus dem »Schlagabtausch« ein Hauen und Stechen geworden sein, das uns endlich auch Verwundete liefert, so scheinen verschiedene Medienredaktionen zu hoffen – im Sommer dann vielleicht sogar »Amok« laufende Politiker, die verbal ein »Massaker« erzeugen? Viel fehlt nicht mehr.

Hermann Schreiber, einer der stilprägenden Journalisten der vergangenen Jahrzehnte, nennt in seiner Kolumne »Redensarten« den Krawalljargon eine »gedopte Sprache«, die Banalitäten sogleich zu Superlativen aufbauscht, welche vom nächsten superlativischen Hype erneut überboten werden. Wir haben – lange ist’s her – den Journalistenberuf gelernt mit der Zielvorgabe, das Unfassliche aktueller Vorgänge zu fassen, das Unerklärliche zu erklären und hinter den wundersamen Fügungen das zweckrationale Handeln der Akteure freizulegen. Was ist davon geblieben?

Nicht nur im Themenfeld Politik, auch bei den Ereignissen, die sich nach dem Moralschema »gut« und »böse« etikettieren lassen (von den Managerboni bis zu Fritzl und Tim K.), verstehen viele Medienmacher ihren Job darin, aus den Nachrichten bizarre Spektakel zu fabulieren, die Angst und Schrecken immer aufs Neue reproduzieren. Diese Angstlust macht aus den Journalisten panisch kreischende Hysteriker, die nicht nur antiaufklärerisch wirken, sondern mit der Zeit auch lächerlich.

Ohne Frage, wir erleben derzeit mit der Implosion des »reinen Kapitalismus« unsere Lebenswelt in ihren Grundfesten als bedroht. Und doch liefert die Ungeheuerlichkeit dieser Katastrophen keinen Grund, das mühselige Geschäft des Beschreibens, des Aufklärens und Erklärens sein zu lassen – im Gegenteil. Diese Forderung, liebe Leserinnen und Leser, finden Sie in den Analysen über den Zustand des aktuellen Polit-Journalismuswie in der Kritik des Amok-Katastrophenjournalismus. Sie ist das Durchgängige dieser Themenschwerpunkte.

Dass Sie auch unsere übrigen Beiträge mit Gewinn lesen, dies erhofft sich

Michael Haller

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