Lösungsorientiert
Erlösungsjournalismus

Solution Journalism gibt vor, den Blick auf die Welt und ihre Probleme zu erweitern. Tatsächlich schränkt er ihn ein und klärt kaum über politische Ursachen auf. Eine Kritik.

von Kathrin Hartmann

Ein Schraubenschlüssel gekreuzt mit einem Bleistift ist das Logo der Online-Kolumne »Fixes« in der New York Times. Soll zeigen: Hier wird nicht nur geschrieben, sondern angepackt – und zwar nichts weniger als die Rettung der Welt. David Bornstein beschreibt darin »kreative Lösungen für die großen gesellschaftlichen Probleme«. Er sagt: »Wer nicht über Lösungsversuche berichtet, vermittelt den Leuten das Gefühl, dass es viele Probleme, aber keine Lösungsversuche gibt. Das lässt sie zynisch werden.« Bornstein hat deshalb das »Solution Journalist Network« mitbegründet, das »die Kultur des Journalismus transformieren« will: Wer nur über Probleme schreibe, erzähle nur die halbe Geschichte, heißt es dort, »The Whole Story« ist das Motto des Netzwerks. Dieser konstruktive Ansatz klingt ermutigend. Doch er sollte skeptisch machen.

»Solution Journalism« klingt, als gebe es für jedes Problem der Welt die adäquate Lösung, die nur gefunden werden muss: Weltrettung als Ideenwettbewerb. Aber soziale Missstände haben komplexe strukturelle Ursachen, ihre Folgen äußern sich unterschiedlich. Lösungen in den Mittelpunkt zu stellen, verkürzt Probleme auf einzelne Aspekte oder Symptome und verschleiert Ursachen. Die »Lösungsvorschläge«, die die Autoren des Netzwerks vorstellen, sind demnach fast ausschließlich ökonomisch-technokratischer Natur.

Sie stammen von Nichtregierungsorganisationen, Unternehmen, Stiftungen und öffentlich-privaten Kooperationen. Politische Forderungen und soziale Bewegungen kommen indessen kaum vor. So gilt Bornsteins Leidenschaft dem Sozialen Unternehmertum. Dazu hat der Journalist drei Bücher geschrieben. Soziales Unternehmertum heißt, gesellschaftliche Probleme unternehmerisch zu lösen. Zwar steht der Profit dabei nicht unbedingt im Mittelpunkt, doch es geht um soziale Dienstleistungen, die bezahlt werden müssen. Kritiker sehen darin eine Privatisierung mit sozialem Anstrich: Während staatliche Leistungen zurückgefahren werden, fördern Regierungen Soziales Unternehmertum. Die Unternehmensberatung McKinsey, oft Wegbereiter von Massenentlassungen, berät soziale Unternehmer, der ehemalige McKinsey-Berater Bill Drayton hat das Social-Entrepreneur-Netzwerk Ashoka gegründet. Die Schwab Foundation for Social Entrepreneurship, gegründet vom Erfinder des neoliberalen Weltwirtschaftsforums, Klaus Schwab, gehört ebenfalls zu den Förderern.

Umstrittene Stiftungen als Geldgeber

Das »Solution Journalist Network« wird unter anderem von der Rockefeller- und der Bill&Melinda Gates Foundation gesponsert. Beide Stiftungen sind umstritten, weil sie Grüne Gentechnik und Agrotechnik propagieren. Kritiker meinen, dass sie damit Armut und Hunger fördern. Die Gates-Foundation investiert beispielsweise in den Saatgutkonzern Monsanto. Zwar sagt Bornstein, dass Spender keinen Einfluss auf die Geschichten seines Netzwerks nehmen. Die interessantere Frage ist jedoch: Warum haben diese Superreichen-Stiftungen überhaupt Interesse daran, ein Netzwerk von Weltrettungsjournalisten zu unterstützen?

Schmutzige Lösung für sauberes Wasser

Eine der Bornstein-Kolumnen in der New York Times heißt »The Future of Clean Water«. Darin beschäftigt er sich damit, dass fast eine Milliarde Menschen keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser hat. Die »Lösung«, die Bornstein propagiert, ist das Projekt water.org, das Menschen in armen Ländern via Mikrokredit dazu bringen will, in ihre Wasserversorgung und in sanitäre Anlagen zu investieren. Zu den Projektunterstützern gehört PepsiCo. Dem Getränkekonzern wird unter anderem Wasserraub in Indien vorgeworfen. PepsiCo profitiert davon, dass verschuldete arme Länder dazu gezwungen sind, ihre öffentlichen Strukturen zu privatisieren. Der Konzern hat es derzeit leicht, lokale Wasservorkommen aufzukaufen und Flaschenwasser teuer zu verkaufen. So teuer, dass es sich arme Menschen nicht leisten können. Wie könnte dieser Konzern tatsächlich den Armen dienen? Warum sollen denn ausgerechnet die Ärmsten für das Menschenrecht auf Wasser bezahlen? Der Versuch, dieses strukturelle Problem ökonomisch zu lösen, macht eine unfaire Situation für Arme noch unfairer.

Mikrokredite ohne Belege befürwortet

Bornstein gehört seit vielen Jahren auch zu den Befürwortern von Mikrokrediten. 1997 veröffentlichte er ein Porträt der Grameen Bank in Bangladesch (»The Price of a Dream: The Story of the Grameen Bank«), deren Gründer Muhammad Yunus 2006 den Friedensnobelpreis bekam. Der Ansatz, Arme mittels Kleinkrediten zu Unternehmern zu machen, gilt als wirksames Instrument der Armutsbekämpfung. Dabei gibt es bis heute keine einzige seriöse Studie, die die armutsreduzierende Wirkung belegt. Der Erfolg wird an hohen Rückzahlungsquoten gemessen, sie liegen meist über 90 Prozent. Diese Quote kommt aber nur deshalb zustande, weil Schuldner oft mit brutalen Methoden zur Rückzahlung gezwungen werden. Man nimmt ihnen Hausrat und Tiere weg oder nötigt sie, ihr Land zu verkaufen. Rund 70 Prozent der Kreditnehmer sind bei mehreren Banken verschuldet, manche seit mehr als 20 Jahren. Denn anstatt ein Unternehmen zu gründen, nimmt ein großer Teil der Armen in Bangladesch Kredite für Essen und medizinische Versorgung auf. Weil die Zinsen auf einen Mikrokredit im weltweiten Schnitt mehr als 30 Prozent betragen, müssen die Armen letztlich noch mehr arbeiten und können noch weniger konsumieren.

Wem nützen also Mikrokredite am meisten? 2010 betrugen die Einkünfte der Mikrofinanzbanken fast 20 Milliarden Dollar. 2012 legte ein britisches Forscherteam um die Ökonomin Maren Duvendack eine Auswertung aus 2.500 Mikrokreditstudien vor. Ihr Fazit: Die positiven Studien gründeten auf zu weichen Untersuchungsmethoden und unzureichendem Datenmaterial. Der Mythos vom Erfolg der Mikrokredite werde durch Anekdoten und begeisterte Geschichten aufrechterhalten. Und diese Geschichten stammen auch von Journalisten.

Kritik wird höchstens beiläufig erwähnt

Solche kritischen Studien finden bei Bornstein, der angibt, Lösungen kritisch zu bewerten, höchstens beiläufig Erwähnung. Als Yunus im Frühjahr 2011 von der bangladeschischen Regierung als Bankdirektor abgesetzt wurde, nahm Bornstein seine Fixes-Kolumne zum Anlass, Yunus zu verteidigen: »Manchmal ist es genauso wichtig, Institutionen zu unterstützen, die bereits gut funktionieren« – und zwar so engagiert, dass sich das Yunus Centre via Facebook bei Bornstein öffentlich bedankte.

Antiaufklärung durch Journalismus

Wer sich nur mit Lösungen beschäftigt, läuft Gefahr, sich zum Fürsprecher für scheinbar gute Ideen und Lösungen zu machen. Die Grenzen zur PR sind dabei fließend. Gesellschaftliche Änderungen sind nie durch »Lösungen« zustande gekommen, sondern durch Aufklärung, Diskurs, Protest und Widerstand. Durch Kritik und Kontrolle können Journalisten zu diesen Prozessen beitragen, die wiederum zu strukturellen Änderungen führen können.

Die Konzentration auf Lösungen folgt letztlich der neoliberalen Maxime »Anpacken statt Jammern« und macht Weltrettung zu einem Mosaik aus Erzählungen, die in der Summe nur den Anschein erwecken, es werde alles gut. Diese Antiaufklärung ist das Gegenteil von Journalismus. In Zeiten, in denen immer mehr Konzerne ihr Kerngeschäft hinter einem grünen und sozialen Deckmäntelchen zu verbergen suchen, müssen »Lösungen« sogar noch kritischer hinterfragt werden.

Vertrauensgarantie:

Diese Bestellung kann ich innerhalb einer Woche nach Bestelldatum schriftlich beim MESSAGE Leserservice, Gesellschaft für Medienkultur /IJK, Allende-Platz 1, 20146 Hamburg widerrufen. Zur Wahrung der Frist genügt die rechtzeitige Absendung des Widerrufs.

Kommentar hinterlassen

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind mit einem * markiert.

Kommentare

  1. […] Solution Journalism gibt vor, den Blick auf die Welt und ihre Probleme zu erweitern. Tatsächlich schränkt er ihn ein und klärt kaum über politische Ursachen auf. Eine Kritik.  […]

  2. nicht zu übersehen sind die blinden flecken des autors: er glaubt, über konstruktiven journalismus zu schreiben (also einen weiten überblick zu vermitteln), bezieht sich aber nur auf eine einzige initiative, das oben gen. netzwerk. so fällt auf ihn zurück, was er den „lösungsjournalisten“ vorwirft: dass sie glauben, das ganze im blick zu haben, aber nur einen teil zu senen.

    das zweite ist, dass er weltrettung mit der berichterstattung über versuche der weltrettung gleich setzt. wer „the whole story“ erzählen möchte, also problem UND lösungsversuche, ist noch nicht automatisch ein besessener weltretter, sondern hat zunächst einmal ein informationsinteresse wie jeder andere journalist mit hohem berufsethischen anspruch.

    und zuletzt: ich kann mir keinen konstruktiven journalismus vorstellen, der nicht tief in die recherche und darstellung von ursachen einsteigt. was wäre von „lösungen“ zu halten, die nicht auf dieser form der analyse beruhen? es wären scheinlösungen.

    was ich mit meinem fokus in der berichterstattung auf keine fall möchte, ist der eindruck, es sei „alles in ordnung“. genauso wenig wie der (falsche) eindruck, es ist „alles im eimer“. so schwarz-weiß ist die wirklichkeit nicht, und unsere sicht (etwa bei peace counts) ebenfalls nicht.

    the wohle story, das ganze bild zu zeichnen – das finde ich einen hohen, gleichwohl einen anstrebenswerten anspruch.