Storytelling
Welche Storys sollen Journalisten erzählen?

Viele träumen von der ganz großen Multimedia-Story. Doch es ist der falsche Traum. Storytelling im Journalismus bedeutet: Aus Tatsachen eine (fast) unendliche Geschichte machen.

von Michael Haller

Der Zuschauer sitzt als Beifahrer auf dem Nebensitz, der Wagen rollt über eine schmale Straße den Canyon hinab, man blickt in eine karge Landschaft, weiter hinten erkennt man große Betonblöcke, darüber wabern tief hängende Regenwolken. Die Fahrt wird begleitet von monotonen Tönen eines Synthesizers. Eine depressiv klingende Frauenstimme spricht über das größte Gefängnissystem Amerikas. Hier in Cañon City, Colorado. Minuten später hält der Wagen vor einem unendlich langen Stacheldraht­zaun, man blickt durch den Maschendraht auf eine Bunkerlandschaft.

Vielleicht kennen Sie diesen Vorspann. Mit suggestiver Kraft nimmt er Sie mit, zieht Sie rein in die Multimedia-Reportage PrisonValley. Diese wurde von den zwei französischen Video-Regisseuren David Dufresne und Philippe Brault produziert und von ARTE im Sommer 2010 ausgestrahlt.

Das Besondere daran: »Elemente aus der Spiele-Welt laden die Zuschauer ein, mehr zu erfahren und mit anderen Nutzern in Kontakt zu treten. Jeder geht auf seine persönliche Entdeckungstour, deren Etappen man speichern kann, weil das Angebot für eine einzige Sitzung zu groß ist. Zu entdecken gibt es Fotos, Interviews, Texte und historische Dokumente.« So begründete die Jury die Auszeichnung mit dem Grimme-Preis 2011: »PrisonValley experimentiert überzeugend mit Multimedia-Freiheit.«

In der Web-Video-Szene ist diese vielfach preisgekrönte Produktion inzwischen Kult – und Vorbild für das neue Genre Web-Documentary. In Workshops und Ausbildungsgängen für Journalisten dient PrisonValley als Trendsetter und Anschauungsobjekt: Schaut her, so macht man in Zukunft alles in einem: multimediales Storytelling, TV-Doku, Debatten-Plattform, eBook, iPhone-Apps und eine real life-Ausstellung (diese fand 2011 in Paris statt).

Vorbild für Video-Documentary: ja. Aber für den Web-Journalismus? Hier zeigt sich ein Missverständnis: Im Unterschied zu diesen Video-Angeboten, die aus dem User einen – wenn auch aktiven – Zuschauer machen und als »Kinobesuch« ablaufen, sind journalistische Internet-Produktionen keine Freizeitveranstaltungen. Oder, wenn sie es doch sind, werden sie kaum genutzt. Die digitalen Friedhöfe mit ungenutzten Multimedia-Produktionen fressen auf den Servern der Medienhäuser beachtlich viel Platz.

Hauptsache bunt und multimedial

Das Missverständnis betrifft die Rolle des Journalismus auch in der Web 2.0-Welt. Denn …

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