Redaktionsmanagement
Wer darf in die Redaktionen?

Zwanzig Prozent der Deutschen haben einen Migrationshinter­grund. Doch in den Redaktionen liegt ihr Anteil bei zwei Prozent. Un­ser Autor fordert eine stärkere Einbindung von Migranten.

von Cem Sey

»Kannst du uns einen Artikel gegen Hürriyet schreiben?«, fragte mich eine junge Redak­teurin einer linksliberalen deutschen Tages­zeitung. Es war zu der Zeit, in der das The­ma Ehrenmorde Konjunktur hatte, es in den Medien verstärkt um Integration und den Einklang des Islam mit europäischen Rechtsnormen ging. Gegen Hürriyet? Ich schaute die Redakteurin verdutzt an. Die konservative türkische Zeitung Hürriyet hatte gerade die beiden türkischstämmigen Autorinnen und Islamkritikerinnen Necla Kelek und Seyran Ates scharf angegangen. Beide sind als erbarmungslose Kritikerinnen der türkischen Community in Deutschland bekannt. Hürriyet warf ihnen vor, alle türkischstämmigen Migranten undifferenziert in einen Topf zu werfen. Der deutschen Medienredakteurin schwebte vor, der türkischen Postille eins vor den Bug zu geben, um zu demonstrieren, wie die deutsche Öffentlichkeit den beiden Autorinnen Schutz vor den patriarchalen Debatten ihrer Heimatkultur gewährt.

Einfache Vorstellungen der Redakteure

»Natürlich muss man Hürriyet kritisch sehen«, warf ich ein und sagte, dass man im Artikel aber fairerweise auch die langjährige positive Integrationsrolle der Zeitung würdigen müsse. Ohne Hürriyet würden die türkischen Migranten kaum etwas über Deutschland wissen. Und schon gar nichts über die deutsche Debatte über den Ehrendmord-Komplex. Es war die Hürriyet, die in den 80er Jahren als erste Tageszeitung damit begann, ihre ausgewanderten Landsleute ausführlich über Deutschland und die deutsche Politik zu unterrichten. Doch etwas Positives und Differenziertes über die türkische Bild wollte die deutsche Redakteurin jetzt nicht haben. Nicht von mir.

Häufig sind die Vorstellungen der Redakteure darüber, welche Themen man an Journalisten mit Migrationshintergrund vergeben kann, dieser Art. Ich bekomme zahlreiche Angebote, weil die Redaktionen mal was »aus türkischer Sicht« bringen wollen. Viele Migranten, die für deutsche Medien arbeiten, haben im Arbeitsalltag das Gefühl, dass alles, was darüber hinausgeht – Vorschläge zu neuralgischen Themen und ihre Sicht auf konflikt­reiche Stoffe –, abgelehnt wird, weil sie Migranten sind. Deutsche Redakteure werden schnell miss­trauisch und unsicher, wenn wir Ereignisse und Verhältnisse in Deutschland und auf der Welt anders beurteilen als sie. Solche Erfahrungs­berichte türkisch-, kurdisch- oder arabischstämmiger Journalisten sammle ich – unfreiwillig – seit vielen Jahren im Kollegenkreis.

Dass dies nicht nur von einer kleinen, mimosenhaften Minderheit »gefühlt« wird, bestätigt auch eine, die es in der deutschen Medienlandschaft geschafft hat: Die indischstämmige Fernsehredakteurin Navina Sundaram, die 1970 beim NDR anfing, war die erste Migrantin bei einem öffentlich-rechtlichen Sender in der Bundesrepublik. Als Ausländerin habe man ihr lange Jahre wenig Objektivität bei Themen aus dem Ausland und wenig Kompetenz bei Inlands-Themen zugetraut, erzählte sie rückblickend bei einer Veranstaltung des DJV Berlin.

Wie Anna Toelke in ihrer gerade erst vorgelegten Journalistik-Diplomarbeit an der Uni Leipzig zu »JournalistInnen mit Migrationshintergrund in Deutschland« empirisch belegt, hat von den rund 100 Befragten rund ein Drittel schon mal seltsame Bemerkungen von deutschen Kollegen und Vorgesetzten zu hören bekommen: »Du willst doch nur deine Türken gut dastehen lassen!« Oder: »Wir sind hier nicht auf einem Basar!« Und auch: »Du brauchst dich doch nicht gleich in die Luft zu sprengen!«

Die Frotzeleien sind meistens sicher nicht bösartig gemeint, doch aber Ausdruck eines latenten Rassismus, wie er in der Gesellschaft aufzuspüren ist. Viele deutsche Journalisten und Redaktio­­nen hätten sich, so folgert auch Anna Toelke, einfach noch nicht ausreichend mit der kultu­­rellen Viel­falt in Deutschland auseinandergesetzt und empfänden sie keineswegs als normal.

Woran liegt es, dass Kollegen mit Migrations­hintergrund nicht »reinkommen« in die deutschen Medien? Wol­len sie es gar nicht? Wer­­den Sie von deut­schen Kol­legen als Kon­kur­renten »weggebissen«? Der Anteil der Kollegen mit Migrationshintergrund in deutschen Redaktionen liegt bei ungefähr 2 Prozent. Diese Zahlen schätzt die Arbeitsgruppe Medien und Integration des Essener Instituts für Medien- und Kompetenzforschung. Der Anteil der »Personen mit Migrationshintergrund« in der deutschen Gesellschaft beträgt aber etwa 20 Prozent.

Mehr Bewerber mit Migrationshintergrund

Dass in deutschen Redaktionen solche Kollegen fehlen, liegt nicht daran, dass Migranten nicht gern Medien machen. Im Gegenteil. Die Zahl der jungen Bewerber mit entsprechendem Hintergrund steigt stetig an – das hört man aus vielen Medienhäusern. Die Taz Panter Stiftung hat extra Mittel dafür eingeworben, dass eine Frau mit Migrationsgeschichte bei der taz volontieren kann.

Und es ist auch keinesfalls so, dass deutsche Journalisten Angst vor Multikulti-Konkurrenz hätten. Es sind vielmehr ihre unsichtbaren ideologischen Scheuklappen, ein sozialisationsbedingt schmaler Horizont, die ein konstruktiv-streitbares Miteinander unmöglich machen. Mal polemisch ausgedrückt: Gerade von uns türkisch- und arabischstämmigen Journalisten wünschen sich deutsche Blattmacher und Senderchefs am liebsten, dass wir unsere fremd klingenden Namen hergeben – um dem Publikum einen pluralistischen Geist zu suggerieren. Aber bitte nicht an den Sichtweisen der Mehrheitsgesellschaft rütteln!

»Migranten beschweren sich doch gar nicht«, bekomme ich öfter überrascht entgegengehalten. Natürlich nicht: Diejenigen von uns, die einen Platz in deutschen Redaktionen ergattern konnten – sei es durch fleißige Arbeit, Opportunismus oder durch Quotenvorgaben wie bei den Öffentlich-Rechtlichen –, reden ungern laut über ihre Probleme. Angesichts des Stellenabbaus und diverser Sparrunden fürchten sie, als provokant und undankbar aufzufallen.

Strukturell enge Weltsicht

Die teilweise Voreingenommenheit und Beschränkt­heit mancher Berichterstattung ist ein strukturelles Problem. Journalisten mit Migrationshintergrund müssten …

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