Mexico
Mord ohne Sühne

Seit 2005 recherchiert ein Team von Grenzreportern in Mexiko und den USA. Der Fall eines getöteten Fotojournalisten legt die korrupten Strukturen offen, denen die Reporter dort begegnen.

von Michel Marizco*

Gregorio Rodriguez war der erste. Ein Foto­jour­nalist für eine Tageszeitung im mexi­ka­nischen Bundesstaat Sinaloa. Man sagt, der Fotograf habe nebenher frei gearbeitet, bei Hoch­zeiten und Geburtstagen fotografiert für Ein­hei­mische in einer Küstenstadt am Golf von Kali­fornien. Diese liegt an der südlichsten Ecke von Sinaloa, der Geburtsstadt fast jeder größeren Drogen­boss-Fehde. Die Führer des Sinaloa-Kartells, des Juárez-Kartells, der Arellano-Felix-Familie – alle haben sie hier ihren Ursprung.

Der Schuss fiel an einem ruhigen Samstagabend um zehn Uhr im späten November 2004. Zeugen sagen, drei Männer seien hereingekommen und hätten sich ihm entgegengestellt. Stimmengewirr erhob sich, ein Mann zog eine Neun-Millimeter-Pistole. Rodriguez stand da, eine Hand erhoben, schreiend: »Nein!« Der Mann schoss fünf Mal auf ihn, einen Schuss in den Kopf, zwei in den Hals, einen in die Brust, einen in den Arm.

Die Mörder gingen fort; Rodriguez‘ fünf Jahre alter Sohn schmiss sich auf den Körper seines Vaters und weinte. Seine Tochter, acht Jahre alt, rannte auf die Straße und schrie um Hilfe.

Der Mord an Gregorio Rodriguez bedeutete einen Wandel im Selbstverständnis und der Position von Reportern, die in Mexiko arbeiten. Kurz gefasst, es war eine Grenze überschritten worden; Reporter wurden zu Zielen. Einige wurden während ihrer Arbeit umgebracht, andere wegen Verstrickungen mit dem organisierten Verbrechen getötet. Nur ausnahmsweise wird, wenn überhaupt, jemals ermittelt. Ende 2008 wurde in Ciudad Juárez der Namens­vetter Armando Rodriguez getötet, nachdem er einen Artikel über ein Familienmitglied des Staatsanwalts geschrieben hatte, welches mit dem Kartell zusammenarbeitet. Ein Fernsehsender filmte unbeabsichtigt den Mord, der Kameramann von TV Azteca wollte eigentlich etwas anderes unten auf der Straße filmen. Sie zwangen ihn, die Aufnahmen zu löschen. Später in der Nacht wurde eine Granate in das Foyer des Senders geworfen. Die Bundespolizei unterließ es auch in diesem Mordfall zu ermitteln.

Es ist oftmals unmöglich, die Motive für diese Tötungen zu kennen. Im Fall Gregorio Rodriguez könnte er vielleicht getötet worden sein, weil jemand auf der Party, für die er zum Fotografieren angeheuert war, dachte, er sei in seiner Rolle als News-Fotograf dort. Ein Freund machte mich mit der Witwe bekannt, Maria, einer schüchternen Frau. Sie ist misstrauisch, sogar gegenüber unserem gemeinsamen Freund, einem angesehenen Journalisten aus Sinaloa. »Ich weiß nicht, wem ich glauben soll«, sagte sie. In all den Jahren wurde der Mord nicht aufgeklärt.

Mexiko bat nicht um Auslieferung

Mexikaner benutzen ein wunderschönes Begriffspaar, um diejenigen zu beschreiben, die sich an größeren Verbrechen wie Mord beteiligen: der materielle Täter des Verbrechens und der intellektuelle Urheber der Tat. Im Fall Rodriguez wurde der intellektuelle Urheber, die Person, die möglicherweise auf der Party fotografiert wurde, niemals gefunden.

Die lokale Polizei wusste Bescheid: Irgendwann an jenem Tag hatte Polizeichef Abel Enriquez seine Männer auf eine Streife geschickt, die sie aus der Stadt herausführte, während der Schuss fiel. Dann stöpselte er das Notrufsystem aus. Und bevor die Landespolizei von Sinaloa eintreffen konnte, um zu ermitteln, befahl er seinen Polizeibeamten, das Blut auf dem Fußweg mit Wassereimern zu beseitigen. Fast vier Jahre später wurde Enriquez wegen Komplizenschaft zu elf Jahren Haftstrafe verurteilt. Zwei weitere Männer wurden mit ihm verurteilt. Keiner von ihnen war der Schütze.

Einem Hinweis folgend, durchsuchte die Landespolizei von Sinaloa die Wohnung von Antonio Frausto Ocampo. Sie beschlagnahmte eine Neun-Millimeter-Pistole. Die ballistischen Eigenschaften stimmen mit denen jener Pistole überein, mit der zuvor der Fotojournalist getötet worden war. Frausto ist auch für einen anderen Überfall tatverdächtig; dennoch wurde er nicht verhaftet.

Der Fall kam nicht voran, schließlich tauchte Frausto 2009 in den Vereinigten Staaten wieder auf. Er wurde festgenommen, als er versuchte, knapp zwei Kilogramm Methamphetamin an einen verdeckten US-Drogenermittler in einem Coffeeshop in Omaha, Nebraska, zu verkaufen – mehr als 2.000 Kilometer entfernt von der mexikanischen Grenze.

Es gab einige Aufregung in der Presse von Sinaloa: Endlich, fünf Jahre nach dem Mord am Fotografen, müsse sich der Hauptverdächtige für sein Verbrechen verantworten. Während einer Verhandlung wegen des Drogenschmuggels vor einem Bundesgericht informierte der Staatsanwalt den Richter, dass den Medien zufolge Frausto als Mörder verdächtigt werde und ein großes Fluchtrisiko bestünde.

Der Richter lehnte das Ansinnen ab: »Angesichts des Zustands der weltweiten Berichterstattung wäre das die letzte Quelle, der ich irgendein Gewicht einräumen oder die ich als bedeutsam betrachten würde.« Frausto wurde wegen des Drogenhandels zu zwanzig Jahren Haft verurteilt. Mexiko hat niemals um Auslieferung gebeten. Der Fall des Fotografen bleibt ungeklärt. Wie die meisten folgenden auch.

Der Präsident schaltet sich ein

Der Fernsehreporter Amado Ramírez wurde zwei Mal durch die Autoscheibe beschossen. Er schaffte es, in ein Hotel zu rennen; doch dort erledigten ihn die Killer, indem sie ihm in den Rücken schossen. Ein Mann wurde in diesem Fall bestraft, eine Seltenheit. Später erklärte einer der Tatzeugen, er sei zu einer Aussage genötigt worden.

Alfredo Jiménez, ein auf organisiertes Verbrechen im Grenzbundesstaat Sonora spezialisierter Reporter, wurde im April 2005 umgebracht. Er war gerade erst 22 Jahre und hatte bei der El Imparcial in der Stadt Hermosillo gerade erst angefangen. Schon nach sechs Monaten war er als investigativer Reporter bekannt, ein Journalist, der die Debatten um die öffentliche Sicherheit in Mexiko genau verfolgte und das Polit-Theater durchschaute. Er deckte in der regionalen Abteilung der Bundeskriminalbehörde einen korrupten Beamten auf; offenbar hatten Kollegen …

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