Mexico
Krank vom Krieg

Der Drogenkrieg in Mexiko treibt die Reporter in den Krisengebieten in Angst und Depression. Eine psychologische Studie zeigt: Der Stress erreicht Werte wie bei Vietnam-Soldaten.

von Rogelio Flores Morales

Die mexikanische Reporterin Rosalba Ayala* war gerade dabei, ihre Schicht in der Zeitungsredaktion zu beenden. Da informierte man sie, dass sich auf einer Straße im Stadtzentrum mehrere verstümmelte Leichen befinden. Es war fast Mitternacht und ihr blieb nichts anderes übrig, als rauszugehen und einen Bericht zu machen, wie sie es schon so viele Male getan hat. Gemeinsam mit einem Fotografen der Zeitung machte sie sich auf in Richtung der finsteren Straßen von Los Mochis, eine Stadt im Norden Mexikos mit vielen Drogenhändlern.

Ayala ist kein Neuling: Seit mehr als 20 Jahren arbeitet sie mit großer Ernsthaftigkeit. Doch was sie nur 100 Meter entfernt vom Rathaus vorfand, hinterließ ein tiefes Gefühl der Hoffnungslosigkeit: In einer schwarzen Plastiktüte erwartete sie der Anblick eines mit menschlicher Haut überzogenen Fußballs. Auf die Oberfläche war ein Gesicht gebrannt, komplett mit Kopfhaut und dem Bart eines offenbar gefolterten Opfers. Später findet man in anderen Teilen der Stadt den Brustkorb, die Extremitäten und den mehrfach gebrochenen Schädel. Die Mörder hinterließen auf den Resten eine makabere Inschrift: »Frohes neues Jahr!«

Die finstere Entdeckung hinterließ die Reporterin gebrochen. Von dieser Nacht an war sie nicht mehr dieselbe. »Nach so vielen blutigen Berichten wurde ich krank. So viel Grausamkeit konnte ich nicht begreifen«, sagt Ayala ein Jahr nach dem Ereignis in einer wissenschaftlichen Befragung des Autors. Seitdem leidet sie unter Beklemmung, Alpträumen, Vereinsamung, Herzrasen, Panikanfällen, Bluthochdruck. Und das Bild des Balls mit dem menschlichen Gesicht geht ihr nicht mehr aus dem Kopf. »Die Angst verfolgt mich wie ein Schatten«, sagt sie.

Rosalba Ayala ist eine von vielen mexikanischen Journalisten, die von ihrer Arbeit emotional mitgenommen werden. Einer Untersuchung des Autors zufolge zeigen sich Symptome von Beklemmung bei 68 Prozent einer Stichprobe von mexikanischen Journalisten, die über den Drogenhandel berichten. 35 Prozent weisen Depression auf, 34 Prozent posttraumatischen Stress, eine der häufigsten Störungen im Zusammenhang mit Kriegszuständen. Die Zahlen liegen höher als bei Korrespondenten in Tschetschenien, Bosnien, dem Nahen Osten, Ruanda oder in anderen Konfliktgebieten.

Die Angewohnheit, Tote zu sehen

Jorge Cruz* ist freier Fotograf, der in Cuernavaca gearbeitet hat. Die Stadt ist einer der Schwerpunkte von Gewalt in Mexiko. Cruz pflegt ein makaberes Grinsen, jedes Mal, wenn er mit der Kamera auf die Blutlachen hält und abdrückt. Er hat sich bereits daran gewöhnt, Fotos von Verstümmelten und Geköpften zu machen. »Ich bin wie ein Arzt: Das Blut sehe ich als Teil meiner Arbeit an«, sagt Cruz in der Befragung, als erzähle er ein Märchen und nicht eine Geschichte der Barbarei, die er täglich durchlebt. »Man gewöhnt sich an alles.«

Cruz nimmt die Gefahr kaum noch wahr: »In jeder Nacht, in der ich die Zeitungsredaktion verlasse, sehe ich ein Auto, das mir folgt. Sie beobachten uns, aber das ist mir schon zur Gewohnheit geworden. Es macht mir auch keine Angst. Ich fühle nichts! Ich bin ein Profi und das ist meine Arbeit. Das darf ich ja wohl so machen, oder?«

Was Jorge nicht weiß, ist, dass nichts zu fühlen, vor allem keine Gefühle zu zeigen, schon an sich ein Anzeichen davon ist, was Fachleute Affektstarre nennen – eine Erkrankung, die auftritt, wenn man systematisch Zeuge von Gewalttaten wird. Der Zynismus und die Unfähigkeit mitzufühlen, sind Formen, in denen sich die Affektstarre ausdrückt.

Andere mexikanische Fotografen haben das Gefühl für Gefahr noch nicht verloren – und leiden dafür unter Nervenzusammenbrüchen oder Panikanfällen. Alberto Díaz beispielsweise fühlt jedes Mal, wenn er mit dem Auto die Galerías-Brücke überquert, dass sich sein Herz aufbläht. Er zittert, und seine Hände beginnen zu schwitzen. Dann erwachen die Erinnerungen an das Jahr 2010.

Damals hielt ein Konvoi von Killern mit ihren Luxuswagen auf Höhe der Galerías-Brücke an. Sie schmissen ein junges Paar, an ihren Hälsen zusammengebunden, aus dem Auto. Das Paar war noch am Leben. Doch die Körper blieben am Brückengeländer hängen.

Díaz hat seinen Beruf aufgegeben und den Wohnort gewechselt. Eine schwierige Entscheidung in einem Land mit hoher Arbeitslosigkeit und besonders niedrigen Löhnen. Ein Monatslohn macht hier umgerechnet 500 US-Dollar aus, ohne Sozial- und Krankenversicherung.

Die Familie gerät ins Visier

Rosalba Ayala, die den Fußball mit menschlichem Gesicht entdecken musste, erzählt von einem Urlaubstag. Sie fuhr mit ihren Kindern über die Landstraße nach Hause, als in ihrer Nähe eine Schießerei ausbrach. Auf ihrem Mobiltelefon prasselten Nachrichten von Freunden ein, die sie warnten: Im Ort werde jeder umgebracht, der die Straße überquere.

»Ich bat meine Kinder, hinter das Auto zu gehen. ›Wenn ihr Schüsse hört, schmeißt euch auf den Boden‹, gab ich ihnen Bescheid. In diesem Moment bereute ich, das Presse-Autoschild angebracht zu haben. Ich kam in der Stadt an, die wie ausgestorben war und wir sperrten uns alle im Haus ein. In dieser Nacht hatte ich einen furchtbaren Alptraum: Ich träumte, dass ich meine Kinder verloren hätte. Ich wachte weinend auf und da verstand ich, dass dies meine größte Angst ist«, erzählt Ayala.

Auch sie nimmt Tafil, ein Beruhigungsmittel, das bei Reportern …

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