Schweinegrippe
Redaktionen im Viruswahn

Immer mehr Infizierte, immer mehr Tote: An Horrormeldungen über die Schweinegrippe fehlte es Ende 2009 nicht. Doch wirklich gefährlich war nur die mediale Panikmache, urteilt unser Autor.

von Michael Schmuck

Erinnern Sie sich: Vor dreieinhalb Jahren sollte die Vogelgrippe die Menschheit dahinraffen. Diese globale Gefahr jedenfalls prophezeiten mehr oder weniger alle Medien oder sie warnten eindringlich davor. Jede Wildgans wurde zum Giftbomber. Vogelgrippe war 2006 das Frühsommerloch-Thema Nummer eins.

Doch dann endete die tödliche Gefahr im Juni 2006 abrupt, jedenfalls in Deutschland und jedenfalls in den Medien: Die FußballWeltmeisterschaft brachte vor allem der Boulevard-Presse über Nacht eine neue Seuche auf die Titelblätter. Fußball machte offenbar immun gegen die Bedrohung des H5N1-Virus.

Ins Koma versetzt

In diesem Jahr war es wieder der Fußball, der eine weltbedrohliche Pandemie in den Medien beendete – die Schweinegrippe. Leider kam das Ende dieses Mal nicht durch ein erfreuliches Ereignis, sondern ein trauriges: Der Selbstmord des Nationaltorwarts Robert Enke verbannte die Schweinegrippe-Viren von den Titelblättern.

Vor allem die Boulevard-Presse hatte neuen Stoff: Versagensängste, Depressionen, Suizid. Für den Leser stellte sich die zynisch zugespitzte Frage: Sind labile Menschen, die die Schweinegrippe überstehen, selbstmordgefährdet?

Als die Themen Selbstmord und Depression anschließend ausgewalzt waren, bis sie so dünn wurden wie eine Scheibe Parmaschinken, zuckte zwar die Schweinegrippe noch einmal kurz ins mediale Leben, wurde dann aber begraben oder zumindest ins Koma versetzt.

Das Spiel vom Aufregen und Beruhigen

Die Schweinegrippe und das Virus H1N1 waren aus Sicht vieler Medienkritiker eine Medien-Pandemie, angetrieben von den Boulevard-Medien, wie immer allen voran der Super-Spreader Bild-Zeitung.Wie sich ein Thema möglichst lange «kochen« lässt, das hat Bild bei der Schweinegrippe aus rein handwerklicher Sicht vorbildlich gezeigt und jede nur denkbare Variante gefunden und meisterhaft genutzt, um aus der Schweinegrippe etwas Leserwirksames herauszuquetschen.

Die Leser wurden durch das Wechselbad aus Panikmache und vorgeblicher Aufklärung gescheucht:

  • Aufregen: »Aufstand gegen Spezialimpfstoff für Politiker« (19.10.2009)
  • Panikmachen: »Professor befürchtet in Deutschland 35.000 Tote« (21.10.2009)
  • Aufregen: »Impfchaos« (23.10.2009)
  • Panikmachen: »Infektionen explodieren« (3.11.2009)
  • Aufklären: »So schützen Sie sich« (7.11.2009)
  • Aufklären: »Für wen ist Schweinegrippe am gefährlichsten?« (11.11.2009)
  • Beruhigen: »So schützen Sie sich ohne Impfung« (16.11.2009)
  • Panikmachen: »Kind (1) stirbt nach Impfung« (17.11.2009)
  • Beruhigen: »Bild testet Impfung« (26.11.2009)

Nur zwei oder drei Anmerkungen …

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