Editorial

Liebe Leserinnen, Liebe Leser
Michael Haller

reden wir mal nicht über die Süddeutsche, die Frankfurter Allgemeine, die Welt oder die Taz – reden wir über die informatorische Grundversorgung der Menschen in ihrem Alltag, über die Lokal- und Regionalzeitungen. Unterstellt, Sie bekommen jeden Werktag die Zeitung zum Frühstück auf den Tisch: Was lesen Sie als erstes, was mit besonderem Interesse – und was überblättern Sie? Verschiedene Studien legen den Schluss nahe, dass der ungelesene Teil zunimmt, obwohl der Umfang der Zeitungen seit der Finanzkrise deutlich zurückgeht. Wie erklärt sich das?

Wir haben alle den Abgesang in den Ohren, den trendige Medienbeobachter wie Jeff Jarvis angestimmt und den der Chor der Onlinegläubigen als lautstarken Refrain übernommen hat: Die Regionalzeitung sei der Dinosaurier der Mediengesellschaft, dessen Untergang naturnotwendig kommen werde. Es gibt aber auch andere Lieder. In den Repräsentativerhebungen, die zur Mediennutzung durchgeführt werden, hält die Regionalzeitung einen Spitzenplatz, wenn es um Glaubwürdigkeit und Wertschätzung geht. Und auf die Frage, was denn besonders geschätzt werde, wird zuerst auf das Lokale verwiesen. Einige Chefredaktionen haben daraus die Folgerung gezogen, dass die Zukunft ihrer Zeitung allein im Ausbau des Lokalen liege – eine Konsequenz, die zum Umbau der gesamten Zeitungsgattung führen kann, wohl auch führen wird. Das Thema erschien uns darum so wichtig, dass wir es zum Schwerpunkt dieser Ausgabe gemacht haben.

Ist demnach Lokalisierung das richtige Rezept? Nutzungsstudien, unter anderen eine vom Institut für Praktische Journalismusforschung (IPJ) im vergangenen Oktober in Gang gesetzte periodische Befragung von mehr als 700 Regionalzeitungslesern, zeigen dies: Die Erwartungen an den Lokalteil sind durchweg hoch – die Noten für das real existierende Angebot indessen meist schlecht. Viele Zeitungen verspielen ihre lokale Kompetenz, weil sie mit immer denselben Berichterstattungsroutinen ihre Leser langweilen, weil sie die Leserperspektive ignorieren und für Rechercheleistungen entweder zu faul, handwerklich zu schwach oder personell zu sehr ausgedünnt sind. Die Wiederentdeckung des Lokalen ist gewiss eine Chance – dann, wenn sich auch der Lokaljournalismus radikal erneuert.

Damit Erneuerungen gelingen, sind eine ungeschminkte Diagnose, ein klares Ziel und ein starkes Rollenbewusstsein die Voraussetzung. Diagnosen kann man in Auftrag geben, Zielvorgaben von anderen übernehmen. Nicht aber das berufliche Selbstbewusstsein. Dass gerade die Zeitungsjournalisten Rückenstärkung brauchen, damit sie zum aufrechten Gang als »vierte Gewalt« zurückfinden: Auch dies ist ein wichtiges Thema dieser Ausgabe.

Dass Sie, liebe Leserinnen und Leser, zudem noch Zeit und Muße finden, die Berichte über herausragende Recherchen und Reportagen zu lesen und unsere Forschungsberichte etwa über Fact-Checking und Leserdialogformen auszuwerten, dies wünscht sich

Michael Haller

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