Lokaljournalismus
101 Zeilen, die den Job kosten

Nachdem ein Mitarbeiter des Hohenloher Tagblatts kritisch über einen Anzeigenkunden berichtete, bekam er vom Verlag ein Veröffentlichungsverbot – und eine Vorladung vor Gericht.

von Wolfgang Messner

Es ist Freitagabend, der 24. November 2006. Gegen 17 Uhr erhält der Journalist Ralf Garmatter aus Kirchberg an der Jagst, einem 4.400-Seelen-Ort im württembergischen Landkreis Schwäbisch Hall, einen Anruf des Redakteurs Andreas Harthan vom Hohenloher Tagblatt.

Ob er nicht morgen die Besprechung einer Film-Premiere übernehmen könne? Im Kino seines Heimatortes Kirchberg laufe »Wie im Stadion«.

Garmatter, seit rund acht Jahren fester freier Mitarbeiter des Blattes, zögert. Harthan wisse doch, dass der örtliche CDU-Bundestagsabgeordnete Christian von Stetten in dem Film eine schlechte Figur mache.

Garmatter, studierter Sozialpädagoge und ausgebildeter Zeitungsredakteur, ist nicht blauäugig. Im Dezember 2005 gab es schon einmal Ärger wegen einer Geschichte über den CDU-Abgeordneten von Stetten. Zwei Monate lang bekam er daraufhin keine Aufträge von der Lokalredaktion des Hohenloher Tagblatts mehr.

Aber von diesen Aufträgen lebt der Vater einer heute knapp dreijährigen Tochter. Außer für das Hohenloher Tagblatt schreibt er noch für weitere Zeitungen in der Region, auch das Haller Tagblatt in Schwäbisch Hall und die Gaildorfer Rundschau. Alle beziehen ihren überregionalen Teil von der Südwest-Presse in Ulm. Manchmal druckt auch die Hohenloher Zeitung, ein Ableger der Heilbronner Stimme, einen seiner Artikel.

Garmatters wichtigster Auftraggeber aber ist das Hohenloher Tagblatt (Auflage 14.500 Exemplare). Von ihm bezieht der heute 44-Jährige weit mehr als die Hälfte seines Einkommens. Garmatter berichtet fürs Lokale und den Sport. Wenn der Sportredakteur Urlaub macht, vertritt er ihn.

Redakteur Harthan – auch Betriebsratsvorsitzender des Hohenloher Tagblatts – drängt Garmatter nun am Telefon, den neuen Auftrag zu übernehmen. Nach kurzem Überlegen sagt er zu. »Ich wollte mir nicht nachsagen lassen, dass ich bei heißen Sachen gekniffen hätte«, sagt er. »Dann könnte ich gleich aufhören als Journalist«.

»Umjubeltes Mysterium« lautet die redaktionelle Überschrift über Garmatters Filmbesprechung. Die Rezension erscheint in der Dienstagsausgabe. Sie ist 101 Zeilen lang. Und sie besiegelt seine Karriere als Journalist.

In dem 93-minütigen Kinofilm geht es um das Public Viewing in der WM-Arena Hohenlohe während der Fußball-Weltmeisterschaft 2006. Zehntausende von Besuchern berauschten sich dort im Juni und Juli am deutschen Sommermärchen. Den Film haben Axel Wiczorke und Cornelius Braitmaier gemacht, die als Filmemacher in der Region beruflich Fuß fassen wollen. Es soll eine Reportage über die WM-Arena werden. Betreiber der Arena ist die Messe- und Betriebsgesellschaft Stetten mbH, eine Firma des CDU-Bundestagsabgeordneten Christian von Stetten.

Der CDU-Mann ist Hauptperson des Films. Weil die Filmemacher bei der Wahrheit bleiben, kommt der 38-Jährige darin nicht gut weg. Das ist der Diplom-Betriebswirt nicht gewohnt. In einem Dutzend Firmen ist von Stetten als Geschäftsführer oder Prokurist tätig. Er ist überall dabei: in der Heimat als Orts-, Stadt- und Kreisrat; im Bundestag als Vorsitzender der Finanzkontrollkommission und stellvertretender Chef des Parlamentskreises Mittelstand der CDU/ CSU-Fraktion. Seit Sommer 2003 führt er zudem die knapp 4.000 Mitglieder starke MIT, die Mittelstandsvereinigung Baden-Württemberg.

Von Stetten hat nicht nur Erfolg. Er sieht auch gut aus. Vielleicht ein bisschen wie Richard Gere in American Gigolo. Im Jahr 2002 wählen ihn die Mitarbeiterinnen des Bundestags zum »Mister Bundestag«. Die Yellow-Press-Blätter wie die Revue zählen ihn zu den begehrtesten Singles des Landes.

Sein Name fällt wie selbstverständlich, wenn das Wirtschaftsmagazin Impulse im August 2007 nach den »besten Wirtschaftspolitikern U45« fahndet und das Branchenblatt Politik und Kommunikation im Februar 2008 fragt, wer denn die »neuen Reformer« im Bundestag sein könnten. Die, die nach Gerhard Schröder und Friedrich Merz kommen. Von Stetten ist immer da, wo vorn ist. Er wird gefragt, wenn es um die Zukunft des Landes geht. Eine große Karriere bahnt sich an.

Er ist stolz darauf, in seiner Heimat mit der WM-Arena tausenden Hohenlohern und hunderten ausländischen Gästen über eine riesige Übertragungsleinwand Weltmeisterschafts-Atmosphäre zu ermöglichen – inklusive eines kleinen Vergnügungsparks. Ein wenig verdienen will er auch daran.

Die Reportage zeigt die jubelnden Massen, schlägt aber zum Ende hin zunehmend kritische Töne an. Garmatter schreibt in seiner Filmrezension auch über die Alkoholexzesse von Minderjährigen im Fandorf, gibt den Ärger über nicht eingehaltene geschäftliche Versprechen von Stettens wider, erwähnt den Unmut ausländischer Gäste und den von Standbetreibern, bei denen sich der Adelige am Handy mysteriöserweise unter falschem Namen abwechselnd als »Schröder« oder »Baumann« gemeldet habe – angeblich von Stettens Spitznamen, um die Arbeitswirklichkeit der normalen Leute kennenzulernen, heißt es später.

Der Verlagsleiter des Hohenloher Tagblatts, Jürgen Bauder, kennt und schätzt die Familie von Stetten. Schon Christian von Stettens Vater war CDU-Bundestagsabgeordneter, bevor er Präsident des ultra-rechtskonservativen Studienkreises Weikersheim wurde.

Christian von Stettens Veranstaltungsfirmen sind Anzeigenkunden des Hohenloher Tagblatts. Auf der Homepage stetten-ticket.de erscheint unter »Sponsoren« damals das Hohenloher Tagblatt neben zwölf weiteren Zeitungen und Wochenblättern der Region, auch einige Privatradios stehen dort.

Anfang Dezember lässt Verlagsleiter Bauder dem Journalist Garmatter über seinen Redaktionsleiter Mathias Bartels ausrichten, dass man im Lokalen nichts mehr von ihm drucken werde. Veröffentlicht würden nur noch Garmatters Sportartikel. Mit einem Schlag verliert Garmatter einen Großteil seines Einkommens.

Am selben Tag erscheint im Haller Tagblatt ein Beitrag des damaligen Volontärs Jochen Höness. Der Nachwuchsjournalist hat den Bundestagsabgeordneten Christian von Stetten einen Tag lang in Berlin begleiten dürfen und ist voll des Lobes: Von 6 Uhr früh bis abends spät müht sich das Mitglied des Deutschen Bundestages als Volksvertreter ab, findet aber doch die Zeit, mit Chris de Burgh Mittag zu essen und abends beim 1. FC Bundestag zu kicken. So etwas liest man in der Heimat gerne.

Am 21. Dezember 2006 ruft Garmatter Verlagsleiter Bauder an und verlangt Aufklärung. Er habe gehört, dass er wegen seiner Filmbesprechung Schreibverbot habe. Bauder bestätigt dies, nach der Erinnerung Garmatters. Und dass er diese Entscheidung auch nicht zurücknehmen werde. Auch Redaktionsleiter Bartels bekräftigt das verhängte Veröffentlichungsverbot nochmals am Telefon.

Ende Januar berichtet die Stuttgarter Zeitung zum ersten Mal über Garmatters Fall. Eine Liste mit 40 Unterschriften geht der Südwest-Presse zu. Die Unterzeichner aus der Leserschaft und der Lokalpolitik verlangen, dass das Veröffentlichungsverbot aufgehoben wird. Nichts geschieht.

Am 28. März 2007 teilt Redaktionsleiter Bartels Garmatter mit, dass …

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