Rumänien
Alles käuflich und verhandelbar

In Rumänien scheinen Zeitungen mit kompromittierenden Informationen systematisch Anzeigen zu erpressen. Eine Clique mächtiger Mediendinosaurier« benutzt den Journalismus für korrupte Geschäfte.

von Stefan Cândea

Stellen Sie sich den Besitzer einer massiven Golduhr vor, eine große Limousine vor der Tür, ein Haus mit Swimmingpool in einem der teuersten Stadtviertel der Hauptstadt, auffällige Markenkleidung und Besitztümer und Kontos in Millionenhöhe. Er geht Mittagessen in Luxusrestaurants, ist der Busenfreund der wichtigs- ten Politiker und Geschäftsleute und reist nur in der Businessklasse.

So sieht das Porträt einiger rumänischer Spitzenjournalisten und Medienmacher aus, die schon zu Zeiten des Kommunismus öffentliche Meinung machten und heute in Rumänien immer noch erdrückend präsent sind. Ich nenne sie Mediendinosaurier. Sie haben nach der sogenannten Revolution von 1989 das Fundament der heutigen rumänischen Presse gelegt: einer von politischen und wirtschaftlichen Interessen gänzlich abhängigen Söldnerpresse, die voller Schwarzgeld steckt und häu- fig als Druck- und Erpressungsmittel für persönliche oder Gruppeninteressen herhalten muss. Es ist eine rückgratlose Presse, die ebenso oft manipuliert wie sie selbst manipuliert wird.

Sie meinen, das alles seien düstere Behauptungen? Dann lesen Sie weiter.

Spezialeinheiten gegen Journalisten

31. Oktober 2006. Klausenburg, in Nordwest Rumänien. Früh am Morgen stürmen Spezialeinheiten die Wohnungen von sechs Journalisten und Chefs des landesweit agierenden Firmenkonglomerats »Trust Gazeta«, einem Kartell aus neun Lokalzeitungen. Staatsanwälte durchsuchen Privatwohnungen und beschlagnahmen Unterlagen. Gleichzeitig verschaffen sich Untersuchungsbeamte Zutritt zu den Redaktionen zweier Zeitungen – Gazeta de Cluj und Buna Ziua Ardeal in der Stadt Cluj. Verhaftet werden: Liviu Man, Präsident des Kartells; Ioan Otel, Leiter des Rechercheressorts; Adrian Avarvarei, Chef der »Abteilung für internen Schutz«; Aurel Mursan, Geschäftsführer; Dorel Vidican und Anca Elen Cocut, Buchhalter. Die Staatsanwaltschaft beschuldigt sie des organisierten Verbrechens. Mit Hilfe ihres Netzwerks aus Publikationen und Mitarbeitern sollen sie eine schwunghafte Erpressungsmaschinerie in Gang gehalten haben.

Ex-Geheimdienstler an der Arbeit

Das Rezept war denkbar einfach. Laut Staatsanwaltschaft, die Telefongespräche verwickel- ter Medienmacher und Journalisten abhörte, gab Man zunächst den Befehl zum Recherchieren von Negativinformationen an Otel und Avarvarei. Hatten deren Abteilungen dann gut ausgearbeitete Dossiers recherchiert, machten sich die Angestellten der Anzeigenabteilungen und die Buchhalter auf den Weg, um Werbe- und Anzeigenverträge zu erpressen.

Dass Zeitungen eine »Abteilung für internen Schutz« unterhalten und Journalisten unter dem Verdacht der Erpressung verhaftet werden, macht in Rumänien allerdings nur noch einige Endverbraucher sprachlos.

Denn die Aktivitäten der Festgenommenen und Inhaftierten sind im Gewerbe bekannt und nichts Außergewöhnliches. Zwei der Festgenommenen sind ehemalige Mitarbeiter des Innenministeriums: Ioan Otel, jetzt Recherchechef der Gazeta de Cluj, war Chef der Direktion zur »Bekämpfung Organisierten Verbrechens« in Cluj und Adrian Avarvarei, Leiter der »Abteilung für internen Schutz« des Pressekonglomerats, war früher Geheimdienstmitarbeiter. Avarvarei bleibt nach der Festnahme auch nicht lange in Haft. Schnell kooperiert er mit der Polizei und liefert seine Erpressungskollegen ans Messer. Gegen ihn selbst wird zwar noch ermittelt, aber derweil ist er auf freiem Fuß. Die Haftbefehle für seine Kollegen hin- gegen sind im Dezember erst verlängert worden. Vorgeworfen wird den Verhafteten die Bildung einer kriminellen Vereinigung zum Ziele organisierter Erpressung. Das Zeitungskonglomerat Gazeta streitet alles ab und meint in einer Pressemitteilung, hinter dem staatlichen Zugriff stehe lediglich eine politische Vendetta. – Das letzte Wort zu diesem Fall wird das Gericht sprechen.

Im Visier der Staatsanwälte

Das Beispiel aus Cluj ist zwar das aktuellste, aber nicht das einzige. Anfang letzten Jahres gerieten in der nordostrumänischen Stadt Iasi zweiandere Lokalzeitungen wegen ganz ähnlicher Machenschaften ins Visier der Staatsanwälte: »Erzwingung von Geld durch Erpressung in der Presse«, hieß der Vorwurf. Im Laufe des Jahres wurden Alin Tocan, Chefredakteur, und Florin Ghiocel Asimionesei, Geschäftsleiter und Inhaber der Zeitungen Ziua de Iasi und Flacara Iasului von der nationalen Staatsanwaltschaft vor Gericht gestellt. Verschiedene lokale Politiker und Geschäftsleute beschuldigten Asimionesei, er habe einen schwunghaften Apparat zum erpresserischen Eintreiben von Werbegeldern geleitet und seine Publikationsmacht zum Vorteil seiner eigenen Unternehmen missbraucht, indem er durch heftige journalistische Attacken die Konkurrenzunternehmen in ein unvorteilhaftes Licht rückte. Asimionesei selbst besitzt ein Firmenkonsortium, in dem viele Unternehmen überhaupt nichts mit Medien oder Journalismus zu tun haben. Für die Lokaljournalisten aus Iasi kam das Eingreifen des Staatsanwalts nicht überraschend. Schon lange pfiffen die Spatzen von den Dächern der Stadt, was vor sich ging.

Es mag nicht ganz zufällig sein, dass die von den Staatsanwälten für Erpressung genannten Medienmacher und Journalisten zum Fran- chisenetzwerk der überregionalen Tageszeitung ZIUA gehören oder diesem angehört haben. Unter rumäni- schen Journalisten kennt man berühmte Beispiele für deren Arbeitsweise: Journalisten von ZIUA lancierten beispielsweise Attacken gegen Unternehmen, die dann urplötzlich ver- stummten, um durch Werbung der entspre- chenden Unter- nehmen oder werbende redaktionelle Beiträge ersetzt zu werden. Die in Bukarest gedruck- te Zeitung führte beispielsweise heftigste Attacken gegen multinationale Unternehmen wie Renault oder McDonald ́s. Die Attackenkampagne machte dann Platz für lobende Beiträge und ganzseitige Anzeigen. So etwas passiert in keinem Medienunternehmen ohne das Wissen des Verlegers und des Chefredakteurs. In diesem speziellen Fall war das bis vor kurzem ein und dieselbe Person. Wie gesagt, das alles sind nur wenige Beispiele aus einer langen Liste.

Ohne diese Geld-Erzwingungspraktiken, ohne diese Erpressung mit Hilfe des redaktionellen Teils und sorgfältig recherchierter Dossiers gebe es auch keine schlüssigen Erklärungen dafür, dass hunderte lokale und einige überregionale Zeitungen trotz ihrer verschwindend geringen Auflage überleben.

Über die Jahre gehen kriminelle Kollegen aller- dings auch immer gewiefter vor. Man erpresst nicht mehr nur Geld, sondern auch Gegendienste in Form von heiklen Informationen, politischer Unterstützung oder Hilfe für verschiedene Interessengruppen.

Versuchte Präsidentenerpressung?

Mitte des Jahres 2005 machte der rumänische Präsident Traian Basescu öffentlich, der Chefredakteur der Zeitung ZIUA, Sorin Rosca Stanescu, habe ihm telefonisch gedroht, er werde ihn durch das von ihm kontrollierte Zeitungsnetzwerk vernich- ten, falls er seinem Partner Dinu Patriciu, einen Geschäftsmann, gegen den ein Strafverfahren wegen Geldwäsche und anderer Straftaten läuft, zu Hilfe käme. Chefredakteur Stanescu stritt diese Episode zwar ab, die naheliegende Verleumdungsklage gegen den Staatspräsidenten unterblieb jedoch. Stanescu ist einer der oben erwähnten rumänischen Dinosaurier und heißt in Insiderkreisen »der Pate«. Unlängst erklärte er, er habe alle seine Aktien an der Zeitung ZIUA für 3 Millionen Euro verkauft. Was für ein stol- zer Preis für eine Zeitung, die sich mit einer Auflage von rund 20.000 Exemplaren herumplagt und zehn Tageszeitungen als Konkurrenten hat. Wie verdient man mit einem solchen Blatt Geld?

Gravierend ist die Tatsache, dass die genann- ten erpresserischen Kampagnen gegen Firmen und Politiker permanent als journalistische Recherchen verpackt worden waren. »Recherchejournalisten« arbeiten als Profi-Erpresserteams. Journalisten, die sich auf solche Praktiken einließen, konnten von ihren Chefs auf Befehl zum Rufmord an einer Firma oder einer Person eingesetzt werden. Geld floss auch von den Gegnern der Opfer.

Verpasste Revolution

Aber wie konnte es mit einem Großteil der rumäni- schen Presse so weit kommen? Neue Zeitungen schos- sen ab 1990 wie Pilze aus dem Boden. Für Journalisten gab es noch keine Fakultäten oder Privatschulen und so kamen hunderte ohne jegliche Ausbildung direkt von den Barrikaden oder aus dem Staatsdienst in die Redaktionen. Journalist durfte jeder werden – der ehemalige Geheimdienstmitarbeiter, der Straftäter, der Taxi- oder Kranfahrer, der Lehrer. Ausgebildet wurden Journalisten von älteren Kollegen, fleißigen Ideologen aus der kommunistischen Ära, häufig von den erwähnten Mediendinosauriern.

Zwar kam über die Jahre auch eine kleine, pro- fessionelle, junge Journalistenschicht hinzu. Aber die stehen vor den Türen der Redaktionen, in denen oft nichts als Patronage darüber entscheidet, wer Journalist sein darf und wer nicht.

Die 2004 vom rumänischen Zentrum für Unabhängigen Journalismus (CRJI) und Transparency International veröffentlichte Studie zur Situation des Recherchejournalismus in Rumänien beschreibt die aktuelle Situation näher: In Lokal- und Regionalmedien ist der Recherchejournalismus vom Aussterben bedroht und macht einem Copy-Paste-Journalismus Platz. Gierige Presseinhaber, korrupte Politiker und Geschäftsleute üben einen unvorstellbaren Druck auf schlecht ausgebildete Journalisten aus. Und alle sind mitschuldig an dieser desolaten Situation. Alle befragten Journalisten wünschen sich ausländische Investoren im Lokal- und Regionalzeitungsbereich, weil die, so hofft man, eine größere Themenvielfalt ermöglichen könnten. Erfahrene Journalisten bekom- men derweil nicht mehr als 200 Euro in Lokal- und Regionalzeitungen, was Korruption und Apathie zusätzlich befördert. Selbst wenn in einer rumäni- schen Stadt mehrere Zeitungen erscheinen, ist das keine Garantie für höherwertigen Journalismus. Das ernüchternde Fazit: Der Wachhund der Demokratie hat in Rumänien zwar scharfe Zähne, aber er hat seinen Posten verlassen. Er wurde zum Dobermann der Besitzer und folgt ihrem Befehl, egal, was sie befehlen. Wer aber sind diese Besitzer?

Studie über Schlüsselpersonen

2005 veröffentlichte CRJI eine Studie zu dieser Frage. Die Analyse erhellt, wer in den letzten 15 Jahren nachhaltig Rumäniens Presse prägte. Die CRJI- Untersuchung fokussiert auf zwölf der mächtigsten Schlüsselpersonen in Rumäniens Medienszene. Es sind zwölf jener eingangs beschriebenen Dinosaurier. Gleich nach dem Fall des kommunistischen Regimes erlangten sie Macht im Medienbereich und sind heute so mächtig geworden, dass sie den Konkurrenzkampf mit ausländischen Investoren wie Ringier oder der WAZ-Gruppe locker aufnehmen können. Die rumänischen Mediendinosaurier sind Adrian Sârbu (Media Pro), Dan Voiculescu (Intact), Neagu Udroiu (Nachrichtenagentur Rompres), der Journalist-Politiker Corneliu Vadim Tudor (von der Partei Partidul Romania Mare) und die Zeitungsmacher Cornel Nistorescu, Ion Cristoiu, Dumitru Tinu, Petre Mihai Bacanu, Mihai Tatulici, Sorin Rosca Stanescu, Horia Alexandrescu sowie Ovidiu Ioanitoaia.

Zehn dieser Dinosaurier arbeiteten bereits zu Ceausescus Zeiten als Journalisten im staatlichen Propaganda-Apparat. Nach der politischen Wende prägten sie Verhaltensmuster in der überregionalen als auch in der lokalen Presse. Sie bildeten hunderte junger Journalisten aus, die in die Fußstapfen ihrer Meister traten. Man kann die Dinosaurier als ein System von Meinungsvektoren verstehen, das sich je nach Lage und Interessen gegenseitig schützt, manch- mal auch angreift, es aber immer geschafft hat, die öffentliche Debatte in Rumänien an sich zu reißen.

Diese Leute arbeiten nicht nur in erster Linie als Medienprofis oder Lenker von Redaktionen und Zeitungshäusern. Dem widmen sie nur einen Teil ihrer Zeit. Denn sie gehen noch ungezählten anderen Geschäften nach, die mit Journalismus nichts zu tun haben. Neben Verlagen, Filmproduktionsfirmen, Druckereien und Vertriebsunternehmen besitzen sie auch Buchhaltungsfirmen, Tourismusunternehmen, Erdölindustrien, Restaurants oder Alkoholfabriken. Über solche Geschäfte sind Mediendinosaurier wie- derum an fragwürdige Geschäftsleute gebunden, die in Krisenzeiten ihre Verlagsgeschäfte stützten. Journa- lismus kann in einem solchen Netzwerk aus Freund- schaften, Geschäftsbeziehungen, Rücksichtnahmen und politischen Abspracheneigentlich nur stören. Die Dinosaurier sind also keine Herausgeber- oder Chefredakteurspersönlichkeiten im engeren Sinne, sondern eher Straßenhändler. Der Interessenfilz jedes Einzelnen von ihnen führte zur internen Zensur und zum Verhängen von Tabuthemen. Viele Journalisten unterwarfen sich schnell der Selbstzensur. Andere, freiere Berufserfahrungen konnten die meisten ja auch nie sammeln. Innere Pressefreiheit ist für viele ein Fremdwort geblieben.

Alles käuflich und verhandelbar

In den Fragebögen und Interviews, mit denen wir die Dinosaurier konfrontierten, gaben alle an, min- destens 100 Journalisten ausgebildet zu haben, die heute in wichtigen Positionen der Presse oder im rumänischen Radio und Fernsehen sitzen. Aus ihrem Personalpool der Printmedien exportierten die Dinosaurier ab Mitte der Neunziger Jahre massiv Arbeitskräfte in den audiovisuellen Bereich. Und last but not least: Mediendinosaurier korrumpie- ren nicht nur die eigene Branche, das politische System und die Geschäftswelt, sie betrügen auch den Medienkonsumenten. Dort macht sich aufgrund der Zustände Desillusion über die Demokratie breit. Die einfachen Leute glauben mittlerweile, alles sei käuf- lich, alles sei verhandelbar.


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