Darstellungsformen
Die Suche nach dem Neuen

Der Online-Journalismus orientiert sich an den Gattungen des klassischen Journalismus. Und wie innovativ ist er selbst? Drei Neuerscheinungen umschreiben den Trend zu neuen Formen.

von Anja Gild

An Büchern und Studien über Online-Journalismus mangelt es nicht. Das neue Berufsbild gewinnt zunehmend an Profil, medienspezifische Textregeln sind formuliert. Einerseits. Andererseits befindet sich der Online-Journalismus nach wie vor in der Phase des Sichauslotens. Wo liegen seine Leistungen? Hat er Originäres hervorgebracht?

Die Fachwelt spricht von »Hypertext«, »Netzdossiers«, »Web-Specials« oder »Hypermedia Patchwork« – es ist also einiges an innovativen Tendenzen zu erwarten. Sicher ist, dass die neuen Medien nach eigenen Gesetzen funktionieren. Allein die Rezeptionsbedingungen unterscheiden sich von den klassischen Vorgängermedien signifikant – wie etliche Studien, allen voran die häufig zitierte »Eyetracking-Studie« aus den USA (www.poynter.org/eyetrack2000/index.html) nachgewiesen haben.

Neue journalistische Herausforderung

Hypertext und Links verführen bekanntlich zum munteren Hin- und Herspringen innerhalb der Site. Der Leser gewinnt insofern an Macht, als er seine Lesereise abgelöst von der vom Autor intendierten Text-Logik gestaltet. Er widmet im Verhältnis zur Größe des Angebots den einzelnen Sites relativ wenig Aufmerksamkeit; verliert innerhalb weniger Sekunden die Geduld, wenn sich ihm die inhaltliche Struktur nicht schnellstmöglich erschließt. Und er benötigt bei ein und demselben Text für die virtuelle Version rund 25 Prozent mehr Lesezeit als im Printformat (Nielsen).

Es sind also nicht nur die medienspezifischen Möglichkeiten, sondern die Zwänge, die den Online-Journalisten vor neue Herausforderungen stellen. Doch woran sich stilistisch orientieren? Der Online-Journalismus orientiert sich an den traditionellen Darstellungsformen, der Nachricht, dem Bericht oder der Reportage. »Es gibt ein journalistisches Basis-Handwerk, das für die Arbeit in allen Medien die Voraussetzung ist«, resümiert Gabriele Hooffacker, Autorin des Buches »Online-Journalismus«.

Mischformen: Keine Innovationen

Wo ist im Netz das journalistisch Innovative? Was ist aus der Nachricht, was aus dem Bericht und der Reportage eigentlich geworden: Ein Abklatsch der Print-Vorbilder? Nicht wirklich. Gabriela Hartig, Journalistin bei der Süddeutschen Zeitung Online, entdeckt in erster Linie »Erweiterungen« der klassischen Formen: »Die Hyperlink-Struktur des Netzes bietet die Möglichkeit, eine Nachricht oder Meldung mit multimedialen Zusatz-Dokumenten zu versehen. Reden sind nicht nur Textzitate, sondern präsentieren sich in voller Länge als Audiofile zum Download. Gleiches gilt für Videosequenzen von Pressekonferenzen oder Veranstaltungen oder Originaldokumente. Damit werden klassische Formen um einen Mehrwert bereichert, den das Printmedium so nicht bieten kann.« Thomas Mrazek, Gründer der New Media Agentur kompleXmedia (www.komplexmedia. de), argumentiert ähnlich. »Da die neuen Textformen nichts völlig Neues bieten, sondern jeweils auf Bestandteile aus den klassischen Gattungen zurückgreifen, sollte man daher besser von Mischformen sprechen.«

Angleichung: Nachricht und Bericht

Nachricht (Meldung) und Bericht lassen sich im Printjournalismus eindeutig voneinander abgrenzen. Im Internet hingegen ist die Trennung unscharf. Was in der Print-Meldung aufgrund des strengen Regelwerks wegfällt – längere Hintergrundinformationen, kommentierende Elemente, ausführlichere Zitate, biografische Details und so weiter – lässt sich in der Online-Nachricht durchaus verarbeiten. Nicht im eigentlichen Kerntext, sondern ausgelagert in sinnvollen Links, sei es in Form von Text und/oder multimedialen Sequenzen.

Dank Hypertext nähert sich die Online-Nachricht dem Print-Bericht an. Vice versa verhält es sich beim Online-Bericht. Dem Gesetz der Kürze zuliebe verzichtet er im Haupttext weitgehend auf ausschmückende Fakten und verlagert diese in die beigeordneten Links, mutiert somit zur Nachricht.

Auch gilt die von Walter von La Roche formulierte Regel, man könne innerhalb der einzelnen Absätze durchaus chronologisch und nicht zwingend nach Wichtigkeit strukturiert vorgehen, nicht mehr. Der Online-Leser erhebt den Anspruch, mit dem ersten Satz im Absatz an seine Informationen zu gelangen. Durch Hypertext-Strukturen entsteht im Bereich Nachricht/Bericht also eine neue Schnittstelle, eine Mischform eben.

Netz-Reportagen: Häppchenkultur

Schlechte Zeiten für lange Texte: Die klassische Reportage hat aufgrund der extremen Rezeptionsbedingungen im Internet ausgedient. Einerseits. Andererseits ist das Internet das ideale Medium für spannende Reportagen. Bei ihrer online-gerechten Präsentation kommt es auf eine professionell angelegte Navigation an. Die einfachste Form: Texthäppchen für Texthäppchen, Seite für Seite mit jeweils tausend bis zweitausend Anschlägen, durch die sich der Leser mit Vorwärts- und Rückwärtspfeilen oder Themenauswahlboxen navigiert.

Klaus Meier beschreibt in seinem Buch »Internetjournalismus« komplexere Netzreportagen. »Um alle Darstellungsmöglichkeiten des Hypertext-Prinzips nutzen zu können, muss die Reportage für das Web insgesamt anders recherchiert, aufgebaut, unterteilt werden …«. Meier teilt den Text in eine »Perspektiven- und eine Handlungsebene« ein, auf einigen Seiten erzählen Menschen ihre individuelle Erlebniswelt, auf anderen Seiten werden »Handlungen, subjektive Eindrücke oder Hintergründe« präsentiert. Die Netz-Reportage ist also nicht mehr aus einem Guss, sondern aufgeteilt in ihre einzelnen inhaltlichen und strukturellen Elemente, die je nach Leserinteresse in jeweils verschiedener Reihenfolge rezipiert werden können.

Zur Verdeutlichung: Die von Thomas Roth – jetziger Leiter des ARD-Hauptstadtstudios – verfasste Netz-Reportage »Eiszeit«, eine Reise durch das winterliche Russland, (online.wdr.de/online/eiszeit/index.phtml), hält eine Einführung, eine interaktive Landkarte mit den wichtigsten Reisestationen und eine Leiste mit Zielen und einzelnen Tagesdaten bereit. Bei Klick auf die Landkarte öffnet sich jeweils eine Textseite, die kurz und knapp die journalistischen W-Fragen abhandelt – Informationen, die in der Printreportage stets Textbestandteil sind. Sie werden im Netztext segmentiert und in Links ausgelagert. Die weitere Reise erschließt sich entweder über die einzelnen Tage (Zeitebene) oder über die Ziele (Ortsebene).

Diese medienangepasste Form der Textsegmentierung veranschaulicht auch die von Jens Siegert speziell für das Web editierte Netz-Reportage »Russlands vergessene Söhne«, im Archiv der Netzeitung (www.netzeitung.de). Der Erzählstrang ist in vier Kapitel mit jeweils unterschiedlichen Perspektivendarstellungen eingeteilt. Eine erste Teaser-Ebene (kurze Vorspanntexte) mit Bildern führt in die einzelnen Kapitel ein; auf Klick springt der Nutzer pro Kapitel in die eigentliche Text-Ebene. Neben dem Text befindet sich eine kleine Auswahlbox mit den restlichen Kapitelüberschriften, die nach eigenem Ermessen in vorgegebener oder individueller Reihenfolge angeklickt werden können.

Diesen Beispielen ist eines gemeinsam: Sie sind – wie die klassische Print-Reportage – sehr textlastig, sparsam garniert mit Fotos, verzichten weitgehend auf multimediale Effekte und orientieren sich folglich an ihr. Gemessen an der Printvorlage stellt die Netz-Reportage eine neue Form von Textgattung dar. Sie segmentiert, sie seziert, sie parallelisiert unterschiedliche Perspektiven, sie stellt verschiedene Informationen auf verschiedenen Ebenen und zu verschiedenen Zeitpunkten zur Verfügung – kurz: Die Netz-Reportage setzt die Inhalte der Print-Reportage wie ein Puzzle zu einem neuen (Text-) Muster zusammen. Als Orientierungsmaßstab empfiehlt Meier die experimentelle Netzliteratur (www.netzliteratur.net/projekte. html), die wesentlich progressiver als der Online-Journalismus mit neuen Textformen jongliert.

Mehrwert: Themenpaket

Der Online-Journalist Stefan Heijnk verwendet in »Texten fürs Web« neue, netztypische Erzählgattungen, in denen der Text im Zentrum der Informationsaufbereitung steht: Themenpakete und Hypermedia Patchwork. Themenpakete findet der Leser in Nachrichtenportalen wie Focus Online (www. focus.de) oder Rheinische Post (www.rp-online.de). Es handelt sich – wie der Name andeutet – um eine Sammlung verschiedenster Artikel zu einem Thema, die, meist rund um einen aktuellen Aufmacher, in chronologischer Reihenfolge zum »Nach«-Lesen angeboten werden. Ein themenspezifisches Archiv entsteht, das dem Nutzer aufgrund der ausgewählten Informationsfülle einen echten Mehrwert beschert. Übrigens scheint hier noch keine einheitliche Sprachregelung gefunden zu sein – was für Heijnk das »Themenpaket«, ist für andere das »Webdossier« oder das »Netzdossier«.

Hypermedia Patchwork

Hypermedia Patchwork offenbart im Vergleich zum Themenpaket, das abgesehen von wenigen Bildern vorwiegend textorientiert ist, zusätzlich die multimediale Seite des Netzes. Grafiken, Fotos oder Audiofiles, die in unbestimmter Reihenfolge vom Nutzer aufgerufen werden können, flankieren die redaktionellen Inhalte. Die Multimedia-Elemente, informative Begleiterscheinung, haben das Ziel, Informationen zusätzlich über andere Darstellungsformen und über die Ansprache audiovisueller Sinne zu generieren. Beispiele für Hypermedia Patchworks sind zu finden im Wissensportal www.wissen.de, beim Südwestrundfunk (www.swr.de) oder im Themenarchiv des Westdeutschen Rundfunks (www.wdr.de).

Dennoch: Die Texte selbst fallen nicht aus dem Reigen der journalistischen Gattungen heraus. Themenpakete oder Hypermedia Patchwork sind also keine Repräsentanten neuer journalistischer Stilrichtungen. Vielmehr verdeutlichen diese speziellen Informationsaufbereitungen einen für das Internet typischen und für den Nutzer unter Umständen äußerst sinnvollen Mehrwert, den Gabriela Hartig (Sueddeutsche.de) folgendermaßen umschreibt: »Mehrwert entsteht dann, wenn die Online-Form ein Bündel an unterschiedlich aufbereiteten Informationen bieten kann, das andere Medien wie Print, TV und Hörfunk nur in isolierter Form zustande bringen.«

Originär: Komplexe Darstellungsformen

Der Online-Journalismus zeigt bis dato nur wenig Ansätze, völlig neue Textformen zu entwickeln. Seine eigentliche Errungenschaft besteht darin, durch die Effekte von Grafimationen (animierten Grafiken), Slideshows (Bildergalerie) oder Web-Specials (komplexe, multimediale Informationseinheiten) Informationen medienspezifisch und in noch nie gesehener sinnlicher Vielfalt aufzubereiten – eine Leistung, die laut Markus Deggerich (Spiegel Online) »…das jeweils Beste aller anderen Medien…« verbindet. »Du kannst live sein, so schnell sein wie die Nachrichtenagentur, so tiefgründig wie die Wochenzeitung. (…) Du hast die Macht des bewegten Bildes und die Authentizität des O-Tons. Dazu kommen unendlicher Raum, Zeit und Interaktivität.« Nicht der Text ist das Neue, sondern die Komposition, die Darstellung verschiedener informationsvermittelnder Einheiten. Durch deren Dramaturgie entstehen im Netz hoch komplexe Wissenswelten, die in traditionellen Medien ihresgleichen suchen.

Der redaktionelle Text stellt schließlich nur ein Element in einem Konglomerat von audiovisuellen Abbildungen dar. Stefan Heijnk listet eine ganze Reihe von neuen Darstellungsformen auf, die er folgendermaßen umschreibt: »Etliche neue Web-Darstellungsformen haben sich bereits etablieren können, andere sind dagegen erst in Ansätzen konturiert. Allen diesen Formen gemeinsam ist, dass sie – technisch wie dramaturgisch – sorgfältig komponiert werden müssen.«

Langsamer Vormarsch

Analysiert man die Nachrichtenportale der großen deutschen Zeitungen und Zeitschriften, entdeckt der Leser nur wenige Beispiele innovativer Web-Erzählformen. Die meisten orientieren sich nach wie vor an den klassischen Textgattungen, die entweder in Reinkultur oder in den oben beschriebenen mediengerechten Erweiterungen und Abwandlungen vorkommen. Woran liegt die bisher eher geringe Verbreitung neuer Darstellungsformen im deutschsprachigen Web? Gabriele Hooffacker verweist darauf, dass die »Content-Management-Systeme, die derzeit in Internet- und Intranetredaktionen Einsatz finden, die neuen Formen und Formate erst ansatzweise unterstützen.« Gleichzeitig sei das Userverhalten noch sehr durch die klassischen Medien geprägt.

Zum anderen ist der zeitliche Produktionsaufwand nach wie vor hoch und insofern kostenintensiv – Web-Redaktionen, die nicht unbedingt auf ein technisch und inhaltlich avantgardistisches Image angewiesen sind, verzichten daher auf die Herstellung aufwendiger Specials. Zum Teil liegt das Problem auch bei den Nachrichtenagenturen. »Nachrichtenagenturen, auf deren Input wir angewiesen sind, liefern nur zu ganz großen Themen, wie beispielsweise Irak-Krise, animierte Karten, Film- und Tondokumente an«, kommentiert Gabriela Hartig.

Schließlich scheitert die Qualität der Multimedia-Inhalte noch häufig an der Übertragungsgeschwindigkeit. Matthias Winter, Geschäftsführer von Wissen.de, sieht die multimediale Zukunft erst mit der massenhaften Verbreitung der Breitbandübertragung gekommen – einer Technologie, über die erst wenige in Deutschland verfügen.

In der Zukunft wird also vieles möglich sein, was jetzt nur in Ansätzen vorhanden ist. Spannende Aussichten für Online-Journalisten!

Literatur:

  • Stefan Heijnk. Texten fürs Web. Grundlagen und Praxiswissen für Online-Redakteure. Heidelberg 2002.
  • Gabriele Hooffacker. Online-Journalismus. Schreiben und Gestalten für das Internet. Ein Handbuch für Ausbildung und Praxis. München 2001.
  • Jakob Nielsen. Why web users scan instead of read. www.useit.com.
  • Klaus Meier (Hg.). Internet-Journalismus. Konstanz 2002.

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