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FORSCHUNG

Vom Papier- zum Säbelzahntiger!

Eine Studie zeigt erstmals, was Journalisten über Presserat und Pressekodex denken. Während die Normen gut wegkommen, halten viele den Presserat für zu schwach: Er sollte härter strafen dürfen.

Von Carsten Reinemann

Der Presserat steht unter Beschuss. Kaum zwei Jahre nach seinem 50-jährigen Jubiläum hat man den Eindruck, dass die Kritik an seiner Arbeit nicht nur häufiger und lauter, sondern auch grundsätzlicher geworden ist. Motive und Ziele der Kritiker sind dabei höchst unterschiedlich. Während die einen sich einen stärkeren Presserat wünschen, wollen die anderen seinen Einfluss schwächen. Während manche beklagen, in der Spruchpraxis würden zu viele Konzessionen an die ökonomischen Interessen der Verlage gemacht, kritisieren andere, die Vorgaben des Pressekodex seien nicht mehr zeitgemäß.

Die Lautstärke, mit der sich der vielstimmige Chor der Kritiker zuweilen Gehör verschafft, verstellt allerdings den Blick darauf, dass wir kaum etwas darüber wissen, was die Gesamtheit der Journalisten über den Presserat denkt. Letztlich spiegeln Statements einzelner Kritiker – etwa Chefredakteure oder prominenter Medienjournalisten – immer nur deren individuelle Erfahrungen und Ansichten wider. Die haben vielleicht nur wenig zu tun mit den Vorstellungen einfacher Redakteure, etwa darüber, welche Probleme es mit presseethischen Fragen im Redaktionsalltag gibt und welche Kompetenzen der Presserat haben sollte.

Daher ist ein repräsentativer Blick auf die Ansichten derjenigen Journalisten, die sich nicht unbedingt öffentlich zu Wort melden, nötig, denn Selbstkontrolle sollte auf einem möglichst breiten Konsens über Normen und Verfahren beruhen.

Da es bislang keine Studie gibt, die die Meinungen deutscher Journalisten über den Presserat, seine Arbeit und Verfahrensweisen systematisch untersucht, haben wir eine repräsentative Stichprobe von Journalistinnen und Journalisten bei Tageszeitungen und Publikumszeitschriften befragt. Die Befragten sollten beurteilen, wie gut der Presserat arbeitet, wie effektiv seine Sanktionen sind, wie zeitgemäß der Pressekodex und insbesondere die Regelungen zum Trennungsgebot sind und einiges mehr.

Auf Basis der Ergebnisse können erstmals belastbare Aussagen dazu gemacht werden, wie die Selbstkontrolle der Presse in den Redaktionen bewertet wird. Sie identifiziert Stärken und Schwächen und zeigt auf, wo Handlungsbedarf besteht.

Journalisten sehen Verfall der Sitten

Einen ersten Eindruck davon, wie gut es dem Presserat gelingt, problematischen Tendenzen in der Presse entgegenzuwirken, erhält man aus den Antworten auf die Frage, ob ethische Maßstäbe heute besser, schlechter oder genauso eingehalten werden wie vor fünf Jahren. Dabei haben wir den befragten Journalisten elf Kriterien vorgelegt, die wichtigen Ziffern des Pressekodex entsprechen.

Die Ergebnisse sind erschreckend: Bei fünf der elf abgefragten Prinzipien sieht eine absolute Mehrheit der Journalisten eine Verschlechterung – am dramatischsten beim Trennungsgebot .

Knapp 70 Prozent sind der Ansicht, der werbliche und der redaktionelle Teil würden heute schlechter getrennt als vor fünf Jahren. Viele beobachten auch, dass die Sensationsberichterstattung zunimmt (61 Prozent) und journalistische Tätigkeiten immer schlechter von anderen getrennt werden (58 Prozent). Außerdem leiden offenbar auch Sorgfalt (57 Prozent) und die faire und gründliche Recherche (56 Prozent).

Ein relative Mehrheit sieht Verschlechterungen beim Persönlichkeitsschutz und der Achtung der Menschenwürde (je 44 Prozent) und ein Drittel sogar bei der Einhaltung der Wahrheitspflicht (35 Prozent).

Dagegen gibt es nur zwei Grundsätze, bei denen zumindest eine relevante Minderheit Verbesserungen erkennt: Das Diskriminierungsverbot wird nach Ansicht von 29 Prozent der Befragten besser eingehalten. 21 Prozent sind der Ansicht, Fehlinformationen würden eher richtiggestellt als noch vor fünf Jahren.

90 Prozent finden den Presserat wichtig

Viele Journalisten nehmen also einen erheblichen Verfall presseethischer Prinzipien wahr. Vielleicht gerade deshalb sehen sie im Presserat eine außerordentlich wichtige Institution: Mehr als neun von zehn Befragten halten ihn für wichtig oder sogar sehr wichtig.

Fragt man danach, wie gut der Presserat seine Aufgaben erfüllt, dann gehen die Meinungen allerdings etwas weiter auseinander. Jeweils etwa zwei Fünftel der Journalisten gaben dem Presserat für seine Arbeit die Schulnote 2 bzw. die Note 3. Eine 1 bekam der Presserat von einem Prozent, eine 4 oder sogar eine noch schlechtere Note gaben immerhin 13 Prozent der Befragten. Damit kommt der Presserat auf die Durchschnittsnote 3.

Warum sind die Zensuren für den Presserat nicht besser ausgefallen? Hinweise darauf liefern die Antworten auf eine Frage, in der wir genauer wissen wollten, wie der Presserat und seine Arbeit wahrgenommen werden.

Ineffektiv und intransparent

Dabei ergab sich, dass jeweils mehr als zwei Drittel der Journalisten den Presserat für sinnvoll, kompetent, aktiv, in der Praxis angesehen und auch praxisnah halten. Wenn man jedoch nach dem Einfluss und der Transparenz des Presserats fragt, fällt das Zeugnis schlechter aus. Nur jeweils ein Drittel ...

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