|
netzwerk recherche
Aufregung statt Relevanz
Die Internetpräsenzen der Öffentlich-Rechtlichen waren das zentrale Diskussionsthema der Jahrestagung des Netzwerks Recherche. Doch das Handwerk schien viele deutlich mehr zu interessieren.
Von Günter Bartsch
in Mann in weißem Schutzanzug zieht einen toten Schwan aus dem vereisten Wasser vor der Insel Rügen. Der Veterinär ist umringt von Kameraleuten, Fotografen und Journalisten – alle wollen das Bild des an der Vogelgrippe verendeten Tieres aus nächster Nähe.
Christian Charisius stand damals, im Februar 2006, einige Meter abseits und schoss das Foto der sensationsgierigen Meute. Die Distanz bescherte ihm einen Preis beim Wettbewerb »Rückblende«. Bei der Jahrestagung 2008 des Netzwerks Recherche (NR) illustrierte sein Bild die Antithese zum Ziel der Konferenz: »Wir könn(t)en auch anders: Wenn Recherche wieder wichtig wird.«
Klischee der »Schönschreiberei«
Einer, der es anders kann und macht, ist Henning Sußebach. Der Zeit-Redakteur zählte zu jenen Autoren, die vom Reporter-Forum (dem Partner der diesjährigen NR-Tagung) ins NDR-Konferenzzentrum geschickt wurden. Er plädierte für die Alltagsreportage als Gegengewicht zum »Meinungsgetöse« in deutschen Medien. Zwar werde oft hervorragend analysiert und kommentiert – doch gerate dabei mitunter »die faktische Basis« in Vergessenheit.
Sußebach räumte auf mit dem Klischee, dass es bei Reportagen nur um »Schönschreiberei« gehe. Seinen Texten gehe intensive Recherche voraus – die Wahl seiner Protagonisten gleiche einem Film-Casting. Ist der Hauptdarsteller gefunden, sucht der Reporter nach der Tonspur: Wie spricht der Protagonist? Was sagt er? Zehnseitige Fragenkataloge bringt Sußebach oft mit zu den Gesprächen. Die Bildspur erhält er, indem er seine Hauptfigur »in Aktion zwingt«, sie »vom Schreibtisch wegkriegt«.
Sußebach beschreibt »die Exotik des Alltäglichen«, »Parallelwelten, mit denen niemand rechnet« – etwa am Beispiel des von ihm porträtierten Flaschensammlers Hoffmann (Zeit 48/2006). Mit seinen Reportagen wolle er den Alltagsblick seiner Leser verändern, ihnen Anknüpfungspunkte liefern für die eigene Wahrnehmung. Dass es in Reportagen um Einzelfälle geht, sieht Sußebach nicht als Nachteil: In den Fällen stecke viel Wahrheit, die weit mehr Menschen als die jeweils Gezeigten betreffe. Dennoch: Die Frage nach der Repräsentativität stellt sich. Das klassische Recherchethema, die »Datenrecherche«, kann durch die Reportage nicht ersetzt werden.
Kurzatmige Branche
Bis eine Reportage steht, vergehen Wochen und Monate. Sußebach weiß: Nur wenige Journalisten genießen dieses Privileg. Dass die Branche von Kurzatmigkeit geprägt ist, verdeutlichte Hans Leyendecker (Süddeutsche Zeitung) am Beispiel des Liechtensteiner Steuerskandals: Nicht um Aufklärung sei es bei den oft halbgaren Enthüllungen gegangen, sondern um Wettbewerb: »Vorn dran sein bei möglichst geringem Flurschaden«. 27 Prozent aller Ermittlungsverfahren würden eingestellt Ð die Berichte darüber kämen bei Lesern und Zuschauern aber trotzdem wie Urteile an.
Über die Quelle, die zur kamerabegleiteten Verhaftung Klaus Zumwinkels geführt hat, schwieg Leyendecker ebenso wie der stellvertretende ZDF-Chefredakteur Elmar Theveßen. Letzterer schloss aber »aus der Natur der Quelle« aus, dass die Medien instrumentalisiert worden seien. Nach dem Abhör-Skandal der Telekom will sich Leyendecker noch vorsichtiger im Umgang mit Informanten verhalten. Auch Theveßen glaubt, dass »die aufsuchende Recherche« in stärkerem Maße notwendig werde.
Späte Aufklärung im Fall Telekom
Der Fall Telekom wurde gesondert behandelt: Der Vergleich mit der Stasi treffe ihn hart, sagte Telekom-Sprecher Philipp Schindera. »In mir fließt magentafarbenes Blut.« Der Vorwurf pauschalisiere stark und stelle das Unternehmen und seine Mitarbeiter unter einen Generalverdacht.
Die von der Telekom eingereichte Strafanzeige wertete Schindera als Akt der Bekanntmachung. »Uns war klar, dass es über kurz oder lang öffentlich wird.« Es nicht explizit öffentlich zu machen, sei auch mit Rücksichtnahme auf die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft geschehen – deren Ansage sei gewesen: »Nein, nicht öffentlich.«
Spiegel-Chef Georg Mascolo erklärte, warum das Thema nicht sofort auf der Titelseite landete: Die Information erreichte sein Blatt am Produktionstag Freitag – »ganz viele Einzelheiten« seien da noch unklar gewesen – die Zeit habe nicht ausgereicht, sie ausreichend zu recherchieren.
Klingt gut: Sorgfalt vor Schnelligkeit – ein Prinzip, das der Hauptstadtjournalismus laut Tissy Bruns (Tagesspiegel) häufig vermissen lässt. In der Diskussion »Chronisten oder Kampagnenmacher?« nannte sie die politischen Journalisten »von Stimmungswellen Getriebene«. So zeige der Umgang mit SPD-Chef Kurt Beck, wie ein Thema alles andere in den Schatten stellen könne. Nicht Relevanz zähle, sondern »was der größte Aufreger ist«.
Dieter Wonka (Leipziger Volkszeitung) sprach von »HerdenwesenÇ, die sich auf den Schwächsten stürzen würden – »Medienkanzlerin« Merkel bleibe daher verschont. »Rudeljournalismus« nannte das der Bonner Politologe und Ex-Politiker Gerd Langguth (CDU). Sein Hamburger Kollege Joachim Raschke sah durchaus einen Kampagnenjournalismus – »auch wenn er nicht immer erfolgreich ist«. Als Beispiele nannte er die Springer-Kampagne zum Erhalt des Flughafens Berlin-Tempelhof und die Unterstützung für Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust. Im Zustand der Kampagne würden bestimmte Meldungen gezielt unterdrückt – letztlich zum Schaden des Journalismus: »Journalisten sind am schlechtesten, wenn sie versuchen, Politik zu machen«, so Raschke.
Dieter Wonka sieht viele Journalisten der Versuchung erlegen, »nah dran zu sein« an den Spitzenpolitikern. Damit erklärte er auch, weshalb Politiker in der Lage seien, Interviews zu »glätten«. Die Autorisierungspraxis gehe so weit, dass Interviews mit der Kanzlerin vor dem Abdruck von sämtlichen »Haken und Ösen« befreit würden. Dies sei das Problem der Journalisten, entgegnete Langguth – sie ließen es sich gefallen, anstatt die Veröffentlichung abzulehnen. Auch ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender empfahl den Boykott solcher Interviews.
»Ja, wir sind ein Leitmedium«
Welche Rolle die Bild-Zeitung bei der Themensetzung spielt, wurde in der Diskussion »Wer ist heute Leitmedium« angesprochen. »Ich glaube, dass der Begriff Leitmedium nicht nur ein qualitativer, sondern auch ein quantitativer ist», sagte Nicolaus Fest, Mitglied der Bild-Chefredaktion. Da seine Zeitung täglich zwölf Millionen Menschen erreiche, habe die Zeitung Möglichkeiten, Debatten sehr breit zu führen. »Ja, wir sind ein Leitmedium – ganz eindeutig.«
ZDF-Chefredakteur Brender nannte das »eine Fehleinschätzung«. Die Bild-Leser wüssten die Zeitung sehr genau einzuschätzen. Das Gefährliche sei, dass Politiker und Teile der Medien die Bild-Zeitung als Leitmedium betrachteten. Christoph Fernbach (DPA) sah weniger Bild, sondern vielmehr Spiegel Online als das Leitmedium Nummer eins: »Und ich finde das äußerst bedenklich.« Es mangele an einer Überprüfung der Inhalte, wie sie etwa bei Bild durch das Bildblog geschehe. Dennoch orientierten sich viele Redakteure bei der Themensetzung an Spiegel Online.
Ein Gegengewicht zum Internet-Platzhirsch unter den Nachrichtenportalen sieht Brender in den öffentlich-rechtlichen Sendern. Und so war die Debatte rasch bei dem Thema angelangt, das sich wie ein Kaugummi durchs Programm zog. Laut Brender geht es den Öffentlich-Rechtlichen darum, im Internet Zusammenhänge zwischen Aktualität und Geschichte herzustellen. Die Grundsätze des dualen Systems müssten in das neue Medium Internet transportiert werden. »Das ist für die Demokratie wichtig.« Die Idee, die Veröffentlichung von Inhalten auf sieben Tage zu beschränken, nannte Brender »absolut weltfremd«.
Dem stimmte SZ-Chefredakteur Hans-Werner Kilz zu und blickte in die Zeit nach dem Online-Streit. Er könne sich Kooperationen zwischen den Verlagshäusern und den Öffentlich-Rechtlichen vorstellen. Letztere seien ein Garant für Qualität im Programm. »Warum sollte im Internet Qualität verhindert werden?« Von einer Zusammenarbeit könnten beide profitieren. Wenig wunderte es, dass Bild-Mann Nicolaus Fest die sich anbahnenden Kooperationen »mit größtem Unbehagen« betrachtet – seine Zeitung dürfte als Kooperationspartner für die Öffentlich-Rechtlichen kaum infrage kommen.
»Zwangsfinanziertes Staatsfernsehen«
Ein möglicher Schulterschluss zwischen den Qualitätsmedien klang in der Diskussion »Wer darf online?« an. Zwar ließen ARD-Vorsitzender Fritz Raff und Bernd Buchholz (Gruner und Jahr) noch reichlich die Säbel rasseln. So kritisierte Buchholz Rezeptdatenbanken der Sender, die Magazinen aus seinem Verlag zum Verwechseln ähnlich sähen. Zoomer.de-Chef Frank Syré konnte sich Parolen wie die vom »zwangsfinanzierten Staatsfernsehen« nicht verkneifen.
Doch sagte Buchholz auch, dass er in Zukunft gern bei den Sendern Material einkaufen werde. Offenbar erkennen die Beteiligten inzwischen, dass die wahren Gegner woanders sitzen. NDR-Intendant Lutz Marmor hatte das in seiner Begrüßung bereits anklingen lassen, als er von Mäusen sprach, die sich vor den Augen einer Katze streiten. Mit den Katzen meinte er »die Googles und Microsofts dieser Welt«.
Dass sich Verlagsleute der Diskussion überhaupt stellten, war nicht selbstverständlich. So sah sich der Bundesverband deutscher Zeitungsverleger nicht in der Lage, einen Vertreter zu schicken. Das galt auch für die Debatte zur Frage »Macht Schreiben arm?« über die Situation freier Journalisten.
Dort forderte Benno Stieber für die Initiative »Freischreiber« eine selbstbewusstere Haltung der Freien: »Wir müssen mit Verlagen und Redaktionen auf Augenhöhe reden – und auch mal eine schöne Geschichte ablehnen, wenn das Honorar nicht angemessen ist.«
Der Deutsche Journalisten-Verband, der auf die »Freischreiber«-Initiative zunächst pikiert reagiert hatte, zeigte sich versöhnlich: »Ich bin dankbar für jedes Freien-Netzwerk«, sagte der stellvertretende Bundesvorsitzende Michael Anger. Er räumte ein, dass der DJV vernachlässigt hatte, die Lager der Festangestellten und Freien zusammenzubringen. Paul-Josef Raue, Chefredakteur der Braunschweiger Zeitung, sieht die Ressortleiter in der Pflicht. Deren Freiheiten seien oft größer, als sie zugeben würden: »Der Verweis auf die bösen Verleger ist oft nur eine Ausrede.«
BND-Chef Uhrlau auf dem Schleudersitz
Anders als mancher Verleger stellte sich BND-Chef Ernst Uhrlau den Fragen der Journalisten – und musste sich scharfe Kritik von Hans Leyendecker anhören. Der SZ-Redakteur und zweite NR-Vorsitzende vermisste ernsthafte Konsequenzen aus der Überwachung der Spiegel-Journalistin Susanne Koelbl. Uhrlau räumte ein, dass der Apparat nicht leicht kontrollierbar sei; seinen Posten bezeichnete er als »Schleudersitz«.
Das üppige Tagungsprogramm war kaum zu überblicken – da sind Ankerpunkte mit wenigen Parallelveranstaltungen vielen Teilnehmern willkommen – wie der Auftritt von Günter Wallraff. Der Undercover-Reporter berichtete von seinen jüngsten Recherchen – Interviewerin Anja Reschke (NDR) entlockte ihm sogar Details zur Arbeit in der Großbäckerei (es gab einen Mitwisser, der ihn filmte). Wallraff steckt bereits in neuen Recherchen: »Ich werde wieder gebraucht. Die Zustände haben sich dramatisch verschlechtert.«
Wie beliebt die Berichte aus der Praxis sind, zeigt nicht nur der Wallraff-Talk. Reporter und Rechercheure wie Alexander Osang (Spiegel) und Markus Grill (Stern) füllten die Tagungsräume – Henning Sußebachs Vortrag musste gar in den größten Saal verlegt werden. Die Fokussierung aufs Handwerk war gelungen – wenngleich wichtige Themen wie die Not des Lokaljournalismus (»Örtliche Betäubung«) dadurch etwas in den Hintergrund rückten.
|