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INFORMANTENSCHUTZ
Nach dem Dreh wird gefoltert
Ein Tibet-Experte klagt an: Westliche Journalisten, die undercover über Tibeter oder Uighuren berichten, riskieren oft Leib und Leben –
nicht das eigene, sondern das ihrer Informanten.
Von Robert J. Barnett
Als die olympische Fackel im Juni durch die westchinesische Problemprovinz Xinjiang getragen wurde, interviewte ein AP-Korrespondent eine uighurische Frau in Kashgar, einer der Städte, in der die Situation besonders heikel ist. Die Provinz Xinjiang ist muslimisch geprägt, und weil die Chinesen die Autonomiebestrebungen der turkstämmigen Uighuren fürchten, hatten sie dort besonders scharfe Sicherheitsvorkehrungen getroffen.
Die Frau sagte dem Journalisten, dass ihr der Fackellauf nichts bedeute – eine für sie potenziell gefährliche Bemerkung über ein bedeutendes feierliches Ereignis, das den Nationalstolz der Chinesen berührt. »Sie sagte, sie fühle sich unbehaglich dabei, ihren Namen zu nennenĒ, schrieb der Journalist (Scott McDonald: »High security for olympic flame in western China«, AP, 17. Juni). Aber warum hatte er sie überhaupt nach ihrem Namen gefragt? Hätte er ihn abgedruckt, wenn sie ihn genannt hätte? Und wie konnte er wissen, ob er sie nicht schon dadurch in Gefahr brachte, dass er sie überhaupt interviewte?
Schon Anfang Juni war es einer Journalistin der Los Angeles Times gelungen, in ein Gebiet im Osten Tibets zu gelangen, das seit März dieses Jahres aufgrund ausgedehnter antichinesischer Proteste abgeschottet ist. Dort interviewte sie einen Musiker, dessen drei berühmtere Berufskollegen kurz zuvor wegen nicht näher bezeichneter politischer Vergehen in ihren Liedern oder Aussagen verhaftet worden waren.
In ihrem Artikel (Barbara Demick: »China silences Tibet folk singer Drolmakyi«, Los Angeles Times vom 8. Juni) beschrieb sie den jungen Musiker, sein Erscheinungsbild und seinen Arbeitsplatz – und sie nannte seinen Namen. Sie zitierte ihn mit der Bemerkung: »Wir sangen über Dinge, über die wir nicht sprechen konnten.« Seine Bemerkung war hochpolitisch und belastend – wahrscheinlich behaupteten seine Kollegen im Gefängnis gerade das Gegenteil.
Musste die Los Angeles Times den Interviewten namentlich nennen? Hätte sie diese Meinungsäußerung veröffentlichen sollen? War es überhaupt richtig, eine Reporterin in diese Gegend zu schicken, wo sie leicht dabei beobachtet werden konnte, wie sie mit Einheimischen sprach?
Das Risiko für die Einheimischen steigt
Das sind Grenzfälle. Sie verdeutlichen die Zwickmühle, in denen jeder Journalist steckt, der in abgeschotteten Gebieten unter äußerst restriktiven Bedingungen arbeitet. Es mag Gründe für solche Formen der Berichterstattung geben, aber niemand kann bestreiten, dass dadurch die Quellen einem gewissen Risiko ausgesetzt sind.
In dem Buch »Lhasa: Streets with Memories« (Columbia University Press 2006) beschrieb ich einige der Fehler, die ich machte, als ich zum ersten Mal in Tibet war; glücklicherweise hatten sie keine schlimmen Konsequenzen. Doch mit der steigenden Zahl von Journalisten, Filmemachern und Autoren, die in die sensibleren Gegenden Chinas reisen, steigt auch das Risiko für die dortigen Bewohner.
Die Hauptgefahr für Informanten ist klar: Gefängnis. Berühmt wurde ein Vorfall im November 2007 in Lithang, einem tibetischen Teil der Provinz Sichuan. Dort wurden drei tibetische Nomaden zu jeweils zehn, neun und drei Jahren Haft verurteilt, weil sie Fotos und Informationen über einen kleineren Protest an »ausländische Organisationen« – wahrscheinlich Nachrichtenagenturen oder tibetisch sendende Rundfunkstationen in den USA – gegeben hatten (»China Jails Tibetan Nomad For Eight Years After Dalai Lama Protest«, Radio Free Asia vom 20. November 2007).
Besonders bitter: Die drei Männer namens Adruk Lopo, Jamyang Kunkyen und Lothok wurden zu längeren Haftstrafen verurteilt als diejenigen, die die Proteste angeführt hatten. Und es ist nicht einmal sicher, dass ihre Bilder überhaupt ins Ausland gelangt waren.
Drei Monate Verhöre und Schläge
Andere Fälle waren direkte Folgen von Kontakten, die westliche Journalisten mit Tibetern gesucht hatten. Im März 2004 schleppte sich ein ehemaliger tibetischer Bergführer, der früher Tibetern bei der Flucht geholfen hatte, in das Aufnahmezentrum eines Flüchtlingslagers in der nepalesischen Hauptstadt Kathmandu. Er hatte einen gefährlichen Fußmarsch von Tibet über den Himalaya hinter sich. Zuvor ...
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