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Neue Medien

Mit Web-TV ins Regionalblatt

Der Pakt von Waz und WDR verärgert die privaten Videoanbieter und verunsichert die Regionalzeitungen. Viele experimentieren mit eigenem Online-Fernsehen. Liegen sie damit richtig?

Von Manuel Thomä

Medienrechtliche Stolpersteine haben die drei ebenso wenig abgehalten wie die Proteste aufgebrachter Konkurrenten. Als WDR-Intendantin Monika Piel, Waz-Geschäftsführer Bodo Hombach und Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Jürgen Rüttgers Mitte März in der Düsseldorfer Staatskanzlei vor die Presse traten, stand allein das Ergebnis im Vordergrund: die Zusammenarbeit der privaten Waz-Mediengruppe mit dem gebührenpflichtigen Westdeutschen Rundfunk. CDU-Regierungschef Rüttgers hatte vergangenes Jahr beim nordrhein-westfälischen Medienforum Geburtshilfe geleistet und beansprucht nun auch ein Stück des Erfolgs.

Der genaue Preis für die Videos ist geheim

Es ist eine Allianz der ganz Großen. Die finanzstärkste der ARD-Rundfunkanstalten liefert Nachrichtenvideos für Der Westen, das Online-Portal der auflagenstärksten Regionalzeitung. Dabei bekommt die Zeitung die Lieferung nicht mal exklusiv: Die Clips aus regionalen Magazinen wie der Aktuellen Stunde und der Lokalzeit sind auch in der »WDR-Mediathek« online zu sehen.

Wieviel die Waz dem WDR für den Service bezahlen muss, wird nicht verraten. Nur so viel: Die Lizenzierung erfolge zu »marktüblichen Preisen« durch das WDR-Tochterunternehmen Mediagroup. Der Preis, sagt Piel, sei fast doppelt so hoch wie das, was private Anbieter verlangen. Die Geschäftsführerin eines privaten Konkurrenzunternehmens spricht gegenüber Message von 70 Euro Pauschalpreis pro Beitrag.

»Medienvielfalt nachhaltig beeinträchtigt«

Der Web-TV-Pakt hat die Machtverhältnisse zwischen ARD-Anstalten, privaten Anbietern und Verlegern durcheinander gewirbelt. Jahrzehntelang waren die Fronten klar: Die gebührenfinanzierten Öffentlich-Rechtlichen verteidigten ihre »Grundversorgung« gegen die privaten Anbieter; die Presseverleger konzentrierten sich auf ihre Printprodukte, das Kartellrecht schränkte ihre Expansionswünsche drastisch ein. Bis das Internet kam und die Grenzen der Medien auflöste. Seitdem streiten sich die Traditionsmedien um den neuen Markt.

Ende der 90er Jahre dehnten die Rundfunkanstalten ihren Programmauftrag zunächst ganz sachte auf das Internet aus. Prompt reagierten die Privaten: Der Verband für Rundfunk und Telemedien (VPRT) schickte eine Abordnung nach Brüssel und bat die EU, sie möge die Online-Aktivitäten der Öffentlich-Rechtlichen beschränken.

Wettbewerbskommissarin Neelie Kroes untersuchte daraufhin von 2004 bis April 2007 das Online-Engagement von ARD und ZDF auf Rechtsbrüche – ohne Ergebnis.

Wettbewerbsverzerrende Seiten aufgebaut

Damals hatten die privaten Programmanbieter die Presseverleger voll auf ihrer Seite. Noch im Sommer 2007 erklärten Hubert Burda, Präsident des Verbandes Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ) und Helmut Heinen, Präsident des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) gemeinsam auf der Funkausstellung in Berlin, die Web-Angebote von ARD und ZDF könnten »die Vielfalt privatwirtschaftlich organisierter Medien in Deutschland nachhaltig« beeinträchtigen. Das Hauptargument der Verbände galt der Gebührenfinanzierung. Mit den für die terrestrische Grundversorgung eingeführten GEZ-Gebühren hätten ARD und ZDF nun auch noch wettbewerbsverzerrende Webseiten aufgebaut. Die Öffentlich-Rechtlichen konterten, die Zeitungen dürften nicht einfach Fernsehen auf ihren Webseiten anbieten, dafür fehle ihnen die Rundfunklizenz.

Dieser Stellungskrieg – Öffentlich-Rechtliche hier, Privatsender und Verleger dort – zog sich hin, bis der WDR den mächtigen Waz-Mann Hombach auf seine Seite zog. Seither ist der BDZV in Sachen Web-TV merkwürdig leise.

Private kündigen Rechtsbeschwerde an

Panisch reagierten indessen die privaten Programmhändler: Es sei absehbar, dass die in Nordrhein-Westfalen tätigen privaten Medienunternehmen unter der »Kooperation der Marktgiganten« zu leiden hätten, so Jürgen Doetz, Präsident des Verbandes Privater Rundfunk und Telemedien. Doetz blies lautstark in die Grundrechtsposaune: Das Miteinander von Waz und WDR sei ein »Angriff auf die Meinungsvielfalt und den fairen Wettbewerb«; er meinte vermutlich: ein Angriff auf das zukunftsträchtige Geschäft mit Onlinewerbung und Pay-TV.

Tatsächlich wirft das Engagement des WDR verschiedene Fragen auf: Erstens verschwimmen die vor kurzem noch sakrosankten Grenzen zwischen privaten Unternehmen und öffentlich-rechtlichem Rundfunk. Zweitens werden die Öffentlich-Rechtlichen nicht mehr nur nach dem Gebot der Grundversorgung produzieren, sondern auch entsprechend der Nachfrage ihrer Netz-Konsumenten. Und drittens die Werbefinanzierung: Zwar sollen die Beiträge auch auf der Waz-Website Der Westen werbefrei bleiben. Werbung lässt sich aber auch über Banner, Pop-up-Fenster oder mit Videoplayern an den Konsumenten bringen.

WDR kündigt weitere Gespräche an

Für die Medienhäuser geht es hüben wie drüben nicht nur um eine Geschäftsidee, nicht nur um Mehrfachverwertung und Werbeeinnahmen. Es geht letztlich um die Zukunft des Fernsehens insgesamt. Denn längst wissen die Programm-Verantwortlichen, dass die Lebenszeit der linearen Radio- und Fernsehprogramme zu Ende geht. Das Fernsehen, derzeit noch das tonangebende Leitmedium im deutschen Haushalt, hat sich im Zuge der Digitalisierung überlebt. Auch beim WDR schrumpft unter den jüngeren Erwachsenen die Reichweite – das Publikum wird immer älter –, während die Onlinenutzungsdauer stetig steigt. Was für die Zeitungen gilt, trifft auch auf das Fernsehen zu: Man muss die jungen Leute über das Web erreichen.

Zwar versprach die ARD ...

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