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Recherche
Recherche statt Reporterglück
Investigative Journalisten und Reporter nähern sich an. Deshalb kooperiert das Netzwerk Recherche auf seiner Jahreskonferenz mit dem Reporter-Forum und legt den Schwerpunkt auf die Reportage.
Von Thomas Schnedler
Auf einem hessischen Acker liegt der Mittelpunkt der Europäischen Union. Ein paar Fahnenstangen, Bänke und eine Skulptur stehen am Waldrand, hin und wieder kommen Spaziergänger aus dem nahe gelegenen Gelnhausen-Meerholz vorbei, sonst ist es oft menschenleer. Das geografische Zentrum der EU ist kein guter Ort für Reporter, könnte man meinen.
»Das ist die größte Herausforderung, die man als Reporterin haben kann – der Platz ist ein Stück Nichts, man kann dort keine Szenen beobachten, es gibt keinen konkreten Anlass für den Besuch«, sagt Deike Diening, Redakteurin des Berliner Tagesspiegel. Im vergangenen Jahr ist sie für ihre Zeitung in die Provinz gereist, einige Wochen nachdem durch den Beitritt Rumäniens und Bulgariens zur EU eine Neubestimmung des Mittelpunktes notwendig geworden war.
»Ein harmloser, unschuldiger Ort, so abstrakt wie der Gedanke an ein Europa«, schrieb Diening in ihrer Reportage (Tagesspiegel, 24.3.2007). Als sie ankam, war die Feierstunde auf freiem Feld lange vorbei, die Kamerateams aus aller Welt waren abgereist, in der Mitte der EU herrschte wieder Ruhe.
Beobachtung und Reflexion kombiniert
Wie man eine Reportage unter diesen Bedingungen trotzdem mit Leben füllt, zeigte Deike Diening: In ihrem Text schilderte sie das ländliche Milieu, rekonstruierte die Aufregung im Ort, protokollierte die EU-Skepsis im Zentrum der Union, kombinierte kunstfertig Beobachtung und Reflexion. Das Fundament ihrer Reportage: eine sorgfältige Recherche.
»Es hat einfach keinen Sinn, unvorbereitet dorthin zu fahren, sich auf die Bank zu setzen, auf sein Glück zu vertrauen und zu warten«, sagt sie. Deshalb las sie vor der Abreise alles über Europas Suche nach der Mitte, sie stöberte in der Stadtgeschichte und entdeckte historische Parallelen, und da der Eigentümer des Ackers Landwirt war, informierte sie sich auch über die Subventionspolitik der EU.
»IDie Beobachtungen vor Ort und die Gespräche gewinnen sehr, wenn man vorher gründlich recherchiert«I, berichtet Diening. »Als Reporter muss man genau wissen, wonach man sucht und was man fragt. Die Fülle der Details ist sonst unendlich.« Schon am Schreibtisch entwickelte die Autorin ein Konzept für den Text. »Wichtig ist, dass der Reporter mindestens eine gute Idee hat, die die Geschichte trägt«, betont die 33-Jährige. ÈEine meiner Ideen war, die Ruhe des Mittelpunkts ins Verhältnis zu den Kämpfen an den äußeren Grenzen der EU zu setzen.«
Reportage erfordert vor allem Recherche
Das Beispiel zeigt: Zu einer gelungenen Reportage gehört mehr als Schreibtalent und eine genaue Beobachtungsgabe vor Ort. Bis zu 80 Prozent einer guten Reportage sind Recherche, sagt Cordt Schnibben, Leiter des Gesellschaftsressorts des Spiegel und mehrfach ausgezeichneter Reporter. »Es gab in Deutschland einmal die Auffassung, Reportage sei allein Schönschreiberei. Es hieß, es sei egal, was man erzähle, so lange es schön geschrieben sei. Heute gibt es solche Reportagen kaum noch Ð und das ist auch kein Verlust«, sagt er. In den vergangenen Jahren habe sich vielmehr eine besondere Form der Reportage entwickelt, mit einem Rechercheaufwand, der ähnlich groß sei wie bei einer investigativen Geschichte. »Diese Form der Reportage wird immer wichtiger.«
Schnibben hat zudem eine Annäherung zwischen investigativen Journalisten und Reportern beobachtet. »Beide wissen, dass die Recherche über die Qualität ihrer Geschichte entscheidet. Und auch der investigative Journalist muss heute gut schreiben können. Es reicht nicht mehr, nur die richtige Akte zu ziehen.«
Arbeiten »wie eine denkende Kamera«
Ein Zeichen dieser Entwicklung ist die Kooperation zwischen Netzwerk Recherche und dem Reporter-Forum, das Schnibben im vergangenen Jahr gemeinsam mit Ariel Hauptmeier (Geo) und Stephan Lebert (Zeit) gegründet hat, um die Reportage und den Erfahrungsaustausch zu fördern. Bei der Jahreskonferenz des Netzwerks Recherche am 13. und 14. Juni 2008 in Hamburg werden Referenten des Reporter-Forums Workshops anbieten und an konkreten Texten erläutern, wie sie Reportagen konzipieren, recherchieren und schreiben.
Sie werden zeigen, dass Reporter Èwie eine denkende KameraÇ arbeiten müssen, wie Cordt Schnibben es nennt. »Ich muss in der Beobachtung so genau sein wie eine Kamera«, erläutert er. Denn was man in der Recherche oder vor Ort übersehe, könne man später durch sprachliche Kraft oder Kniffe nicht wieder ausgleichen. »Ich muss in der Lage sein, Details und Zusammenhänge zu erkennen und beim Schreiben so zusammenzufügen, dass im Kopf des Lesers der Film entsteht, den ich vor Augen habe.«
Sind Reporter demzufolge immer »Filmemacher«? Als »denkende Kamera« stehen Print- und Fernsehreporter zumindest vor ähnlichen Herausforderungen. Sie brauchen einen Protagonisten, oft auch den Antagonisten, starke Szenen und einen Konflikt.
Mustergültig zeigen lässt sich dies anhand der zweiteiligen WDR-Fernsehreportage »Die Hartz-IV-Schule«, die im vergangenen Jahr für Schlagzeilen sorgte (und am 13.4.2008 in einer Kurzfassung in der ARD wiederholt wird). Die Autorin Eva Müller dokumentierte darin, wie eine Wattenscheider Förderschule ihre Schüler auf eine Zukunft in der Arbeitslosigkeit vorbereitet. Wie groß darf meine Wohnung als Hartz-IV-Empfänger sein? Wie komme ich an einen Ein-Euro-Job? Diese Fragen setzte der Direktor auf den Lehrplan – eine pädagogische Provokation.
Die Kamera durfte den porträtierten Schülerinnen sehr nahe kommen. »Das Wichtigste bei einer Fernsehreportage ist für mich, charismatische und authentische Protagonisten zu finden, die eine Haltung haben, erzählen können und Lust haben, das Team teilhaben zu lassen an ihrem Leben Ð auch in spontanen Situationen«, sagt Eva Müller. Insgesamt fast drei Wochen habe sie sich daher erst einmal ohne Kamera an der Schule und im Umfeld der Schüler umgeschaut, den Unterricht beobachtet und mit Lehrern, Eltern und Kindern gesprochen. »Die Schüler sollten sich ein bisschen an mich gewöhnen«, sagt sie. Die Kamera habe sie zum Teil spielerisch eingeführt, als Experimentierobjekt auf dem Pausenhof. Das Ziel: »Die Schüler sollten sich möglichst natürlich verhalten. Denn als Fernsehreporterin lebe ich von dem, was ohne Inszenierung, ohne unseren Einfluss vor der Kamera passiert.«
Das Fundament des eindringlichen Films war wiederum eine umfangreiche Recherche. Eva Müller verglich das Angebot der Schule mit offiziellen Lehrplänen, studierte die örtliche Sozialstatistik, suchte nach vergleichbaren Fällen, las Studien und befragte Experten. Mit besonderer Behutsamkeit recherchierte sie an der Schule. Die Vorgespräche mit den Protagonisten seien stets eine Gratwanderung: »Ich muss abwägen, wie viele Fragen ich schon im Vorhinein stelle, um mich zu informieren und Knackpunkte zu finden. Und wo ahne ich, dass eine spontane Reaktion auf die eine oder andere Frage vor der Kamera mehr Kraft hat. Das ist sicher fernsehtypisch.«
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