|
Forschung
Selbstzensur im freien Land
Eine Studie suchte nach der Schere in den Köpfen amerikanischer Printjournalisten. Und wurde fündig: Leser, Anzeigenkunden und
eigene Patriotismusgefühle erzeugten einen Konformitätszwang.
Von Rieke Havertz
Betrachtet man das Phänomen der journalistischen Selbstzensur, geht es auch immer um die Frage, wem die Schuld an diesem Verhalten zu geben ist, das journalistischem Rollenverständnis zuwider läuft: dem Individuum, das freiwillig schweigt, oder seinem Umfeld, das Anpassungsdruck ausübt? Um diese Frage zu beantworten, muss ein sehr genauer Blick auf die Produktionsprozesse in den Redaktionen geworfen werden.
Ausgangspunkt des Interesses für diese Studie über den amerikanischen Printjournalismus waren die Vorgänge in Folge der Terroranschläge vom 11. September 2001. Es kam nicht nur zu einer unkritischen Berichterstattung, die gerade europäische Journalisten den Kollegen in den USA vorwarfen, sondern auch zu veränderten rechtlichen Rahmenbedingungen. Erinnert sei nur an den Patriot Act oder den Homeland Security Act, die beide massiv die Informationsfreiheit schwächen.
»Gefahr auf allen Ebenen«
In den Analysen wurde bislang meist auf die international renommierten Zeitungen wie New York Times oder Washington Post geblickt. Was ist aber mit dem durchschnittlichen Zeitungsleser im mittleren Westen, der nicht die Times oder die Post studiert, sondern auf seine regionale Zeitung vertraut? Und wie stellt sich das Phänomen der Selbstzensur bei Journalisten dar, die nicht mit großen Recherchen über die Irakpolitik der US-Administration beschäftigt sind, sondern mit dem ganz normalen amerikanischen Alltag?
Dan Rather, ein Urgestein des US-Fernsehjournalismus, beantwortete diese Fragen in einem Interview mit der BBC im Jahr 2002 kurz und knapp: »Sehen Sie, Selbstzensur ist eine reale und ständig präsente Gefahr für Journalisten auf allen Ebenen und für alle möglichen Geschichten.«
Für diese Studie wurden drei Tageszeitungen im Bundesstaat Ohio ausgewählt, die jeweils in einer großen Stadt erscheinen: der Columbus Dispatch, der Cincinnati Enquirer und der Cleveland Plain Dealer. Der Cleveland Plain Dealer ist die auflagenstärkste der drei (wochentags 334.000 Exemplare) und gehört zu den 20 größten Tageszeitungen in den USA. Alle drei Blätter sind klassische US-Regionalzeitungen und genießen einen guten Ruf. Sie gehören nicht zur Klasse der großen Zeitungen der Ostküste, sind aber keinesfalls »Provinzblätter«.
Die Ursachen sind vielfältig
Dem Problem Selbstzensur kann man sich nur annähern. Welcher Journalist gibt schon gern zu, dass er sich selbst zensiert? Allerdings zeigte sich bei den drei Zeitungen niemand überrascht, zu diesem Thema befragt zu werden. Und so gab ein gutes Drittel freimütig zu, politisch relevante Informationen unterdrückt zu haben. Auch die Führungskräfte der drei Zeitungen gaben in persönlichen Interviews an, Selbstzensur aus Redaktionen zu kennen Ð allerdings bezogen sie dies (verständlicherweise) nie auf die eigene Zeitung, sondern auf Mitbewerber oder frühere Arbeitgeber.
Wie kommt es zu solchen deutlichen Aussagen? Und vor allem: Warum zensieren sich Journalisten selbst, deren Hauptaufgabe im Informieren liegt? Um diese Frage erschöpfend zu beantworten, müssen ganz verschiedene Aspekte der alltäglichen Redaktionsarbeit betrachtet werden.
»Verklag mich doch«
Da sind zunächst die bereits angesprochenen veränderten rechtlichen Rahmenbedingungen, die ...
|