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Blogs und Journalismus
Die bloggenden Blattmacher
Bei der Online-Berichterstattung über den Präsidentschaftswahlkampf lassen viele US-Medien ihre Journalisten bloggen.
Das Problem: Die meisten von ihnen können es nicht.
Von Matt Carlson
Zwei Monate vor der US-Präsidentschaftswahl 2004 beschrieb Jonathan Klein – ehemaliger CBS-Nachrichtenchef und späterer CNN-Präsident – den Durchschnitts-Blogger als »Typ, der im Schlafanzug im Wohnzimmer sitzt und schreibt«. Klein bezeichnete die Blogger abfällig als unorganisiert, unprofessionell und sogar als schlecht angezogen. Blogger seien überflüssig; ihr Wirken lenke nur von der Arbeit echter Journalisten ab.
Jetzt, zum US-Präsidentschaftswahlkampf 2008, haben die Blogger ihre Wohnzimmer verlassen. Die von ihnen geschaffene neue Kommunikationsform ist in den Redaktionen angekommen. Sie ist fester Bestandteil des politischen Diskurses in den Vereinigten Staaten geworden.
Denn zunehmend binden Zeitungen, Magazine und das Fernsehen Blogs in ihre politische Berichterstattung im Internet ein. Ein Trend, der kritisch diskutiert werden muss. Denn wir sollten nicht annehmen, dass sich Blogs mühelos in die Webseiten der traditionellen Medien einfügen.
Vielmehr entsteht eine Mischung aus zwei paradigmatisch ungleichen Formen des politischen Diskurses. Das zeigt zum einen ein Vergleich zwischen den Normen und Schreibweisen des traditionellen Journalismus und denen der Blogs. Zum anderen lohnt ein Blick auf Versuche, eine Annäherung beider Formen der Berichterstattung herbeizuführen.
Blogger erhielten Presseausweise
Es liegt in der Natur von Blogs, dass sie sich nicht leicht kategorisieren lassen. Dennoch sind ihnen einige Elemente gemein: eine umgekehrt chronologische Reihenfolge der Einträge, eine zwanglose und subjektive Sprache, Individualität sowie Links zu anderen Quellen – einschließlich Nachrichtenstorys und weiteren Blogs. Außerdem kann sich jeder Internet-User praktisch ungehindert mit eigenen Kommentaren an Blogs beteiligen. All das macht diese neue Kommunikationsform für eine Vielzahl von Mediennutzern als Informationsquelle attraktiv.
Wohl auch deshalb gewährten die Wahlkampf-strategen von Demokraten und Republikanern Bloggern bereits 2004 Zugang zu ihren Parteitagen. Presseausweise wurden dutzendweise verteilt – viele Blogger besaßen jedoch weder journalistische Erfahrung noch waren sie in irgendeiner Form an Traditionsmedien gebunden.
Fehlerhafte Daten verwendet
Wie fundamental sich die Grundsätze des Journalismus von der Blogosphäre unterscheiden, wurde am Tag der Präsidentschaftswahl 2004 nur allzu deutlich. Es offenbarte sich die normative Kluft zwischen dem Journalismus mit seiner Betonung auf Überprüfung und Objektivität auf der einen Seite und der Subjektivität von Blogs auf der anderen. Die nicht-journalistische Blogosphäre veröffentlichte damals unvollständige – und letztendlich fehlerhafte – Ergebnisse erster Hochrechnungen.
Diese Daten dürfen jedoch eigentlich nicht veröffentlicht werden, bevor die Regierung das offizielle Endergebnis bekannt gegeben hat. Einige Blogger missachteten diese Regel und verkündeten die bereits durchgesickerten Zahlen. Diese sagten einen Sieg für den Demokraten John Kerry voraus. Doch die Wahl ging bekanntlich anders aus.
Der Gegensatz von Blogs und traditionellen Nachrichten wirft Fragen auf: Was geschieht bei ihrer »Vermählung« im Wahljar 2008? Wer beeinflusst wen? Henry Jenkins, Professor für neue Medien am Massachusetts Institute of Technology, beschreibt die Konvergenz von Blogs und den traditionellen Nachrichtenmedien als »Paradigmenwechsel,« der »komplexe Beziehungen zwischen den traditionellen ›Top-down‹-Medien und einer ›Bottom-up‹-Kultur der Mitbestimmung« zur Folge hat.
Bei einer »Top-down«-Konvergenz werden nach Jenkins die Blogs den Normen der jeweiligen Medienorganisation und ihrer herkömmlichen Arbeitsweisen angepasst. Demgegenüber setzt eine »Bottom-up«-Konvergenz auf unterster Ebene an: Bestehende Hierarchien und Arbeitsweisen traditioneller Medien werden durch die Blogs zur Veränderung herausgefordert.
»Schillernde Schreibweise«
Traditionelle Nachrichtenquellen haben sich heute bereits insoweit auf Konvergenz eingelassen, als dass sie ihre Präsenz im Netz etabliert haben.
Doch das Hinzukommen von Blogs mit ihren Eigenarten stellt eine schwierige Herausforderung im Internet-Auftritt dar. Online-Experte J.D. Lasica schreibt in Nieman Reports: »Mainstream-Nachrichtenunternehmen (...) schätzen (...) einen reibungslosen Produktionsablauf, Rentabilität und strenge redaktionelle Standards. Blogger geben lockerer Unterhaltung, Gleichheit, subjektiven Meinungen und einer schillernden Schreibweise den Vorzug vor Gewinn, Zentralsteuerung, Objektivität und gefilterten Texten.«
Neun Mainstream-Sites untersucht
Wie haben die US-Medien dieses Problem während des Vorwahlkampfes 2008 gemeistert? Wir haben die politischen Blogs von neun der beliebtesten US-amerikanischen Nachrichtenorganisationen untersucht: ...
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