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Manipulierte Forschung

US-Forscher am Gängelband

Unser Autor enthüllte die systematische Manipulation wissenschaftlicher Daten durch die Bush-Administration – nicht im Auftrag einer Zeitung, sondern im Namen einer Wissenschaftler-Organisation.

Von Seth Shulman

Als Journalist, der seit fast drei Jahrzehnten auf die Themen Wissenschaft, Technologie und Umwelt spezialisiert ist, habe ich viele investigative Recherchen gemacht. Aber so etwas wie die extreme Politisierung von Wissenschaft in der Administration von George W. Bush habe ich noch nicht erlebt. In dutzenden von Bundesbehörden haben Funktionäre wissenschaftliche Daten unterdrückt oder verfälscht, wenn sie im Widerspruch zu den politischen Zielen der Bush-Regierung standen.

Die Liste der Beispiele ist lang: Weil die Administration die Erziehung von Teenagern zu sexueller Enthaltsamkeit befürwortet, hat sie Studien unterschlagen, die zeigen, dass eine solche Erziehung die Rate der Teenager-Schwangerschaften keineswegs senkt.

Oder: Weil die Regierung den Wildlachs nicht schützen will, verlangte sie, dass der wissenschaftliche Beirat des Marine Fisheries Service seine Aussagen zur Notwendigkeit eines solchen Schutzes streicht. Falls sie sich dem nicht fügten, sagte man diesen hochkarätigen Wissenschaftlern, werde der gesamte Bericht »in der Schublade verschwinden«.

Im U.S. Forest Service hat die Regierung Erkenntnisse zum Zustand der Wälder ignoriert, um mehr Holzeinschlag zu genehmigen. Und natürlich wissen wir, dass politische Beamte der Bush-Administration systematisch die Arbeit führender US-Klimaforscher in Regierungsdiensten zensiert haben, um das Problem der globalen Erwärmung zu ignorieren.

Meine Beteiligung an dieser betrüblichen Geschichte begann im Herbst 2003, als die Nonprofit-Interessengruppe Union of Concerned Scientists (UCS) Kontakt zu mir aufnahm. Einigen führenden Wissenschaftlern der UCS war ich bekannt, sie schätzten vor allem meine Recherchen zu den Umweltsünden des US-Militärs, die einige Jahre zuvor von vielen Publikationen aufgegriffen worden waren – vermutlich kam die Organisation deshalb auf mich zu.

Im Auftrag einer Interessengruppe

Nun lud man mich also in ein Zimmer voller Wissenschaftler und Politanalysten ein, die mir erzählten, dass sie von Whistleblowern Hinweise auf ein nie gekanntes Ausmaß an Manipulation wissenschaftlicher Informationen erhalten hätten. In den Beiräten würden erstklassige Wissenschaftler durch Ideologen mit fragwürdigen Referenzen ersetzt. Einige Wissenschaftler in Regierungsdiensten berichteten, dass ihre Arbeiten zensiert oder gar verfälscht dargestellt würden.

Die UCS-Wissenschaftler waren überzeugt, dass sie etwas unternehmen müssten, aber unsicher, wie sie die Sache angehen sollten. Die Gruppe arbeitete höchst effektiv in der Analyse technischer Aspekte von Wissenschaftspolitik und hatte viel zu Problemen wie der Erderwärmung und Raketenabwehrsystemen publiziert. Aber hier handelte es sich um eine andere Fragestellung: Die Administration von George W. Bush unterdrückte und manipulierte systematisch die Ergebnisse von Wissenschaftlern in Regierungsdiensten. Das konnte die wissenschaftliche Gemeinschaft keinesfalls akzeptieren.

Natürlich war allen klar, dass politische Gesichtspunkte in den Überlegungen der Regierung zur Wissenschaftspolitik immer eine Rolle spielen. Aber die Wissenschaftler wollten eine deutliche Grenze setzen. Für sie war klar: Den Prozess der wissenschaftlichen Informationssammlung manipuliert man nicht, und man hält wissenschaftliche Daten nicht zurück.

Mehrmonatige Recherche finanziert

Die Beziehung zwischen einem unabhängigen Journalisten und einer Lobbygruppe war für beide Seiten Neuland. Die Mitglieder der Organisation hielten es für einen guten ersten Schritt, jemand Unabhängigen die Situation untersuchen zu lassen. Aber sie wollten nicht den Anschein erwecken, sich an parteipolitischen Schlammschlachten zu beteiligen.

Ich meinerseits hatte zwar Erfahrung mit Auftrags-arbeiten als Autor und Redakteur, aber bisher nicht mit einer Interessengruppe. Könnte ich in einem solchen Projekt meine Unabhängigkeit bewahren? Würde es meiner journalistischen Glaubwürdigkeit schaden, wenn ich Regierungsbeamte anriefe und erklärte, ich arbeitete für ein Projekt der Union of Concerned Scientists?

Ich hatte noch andere Zweifel. Beim ersten Treffen äußerte ich Bedenken, dass die Recherche viel Zeit brauchen würde. Und dass es möglicherweise schwer sein werde, sie der Öffentlichkeit zu vermitteln. Schließlich, so sagte ich, wären viele Menschen der zynischen, aber nicht unbegründeten Ansicht, dass die Politik sich schon immer in Angelegenheiten der Wissenschaft eingemischt habe.

Nach einigem Überlegen stimmte UCS zu, einen Vertrag über eine mehrmonatige Recherche zu unterschreiben. Wir kamen überein, dass ich auf der Grundlage meiner Ergebnisse ein internes Memorandum für die Gruppe schreiben würde, dass ich aber ansonsten frei entscheiden könne, wie ich das Thema recherchiere und wie ich die gesammelten Informationen anschließend verwerte. Die Bezahlung war für eine Non-Profit-Organisation halbwegs vernünftig – bei den wenigen Malen, als ich als Berater für gewinnorientierte Unternehmen tätig war, habe ich erheblich mehr verlangt.

Es stellte sich heraus, dass die Zusammenarbeit mit UCS viele Vorteile brachte. Nicht nur, dass sich wohl kaum eine Zeitung auf eine solch langfristige Untersuchung mit offenem Ende eingelassen hätte. Zu meiner Überraschung verschaffte mir die Kooperation zusätzliche Glaubwürdigkeit bei vielen Informanten. Die meisten von ihnen waren Wissenschaftler in Regierungsdiensten und fanden es daher angenehmer, mit dem Vertreter einer wissenschaftlichen Organisation zu sprechen. Schließlich unterstützte UCS mich sehr dabei, nach Abschluss meiner ersten Untersuchung öffentliche Aufmerksamkeit dafür zu gewinnen.

Die ersten Ergebnisse wurden im Februar 2004 veröffentlicht; und UCS organisierte es, dass zeitgleich eine Gruppe von Top-Wissenschaftlern eine Erklärung auf der Basis meines Berichts unterschrieb. So stellten am 18. Februar 2004 mehr als 60 führende US-Wissenschaftler der Regierung von George W. Bush ein beispielloses Misstrauensvotum aus. Dank der Koordinationsarbeit von UCS haben bis heute mehr als 12.000 Wissenschaftler, darunter 48 Nobelpreisträger und 62 Empfänger der National Medal of Science, diese Erklärung unterschrieben. Diese Stellungnahme der wissenschaftlichen Community der USA hat enorm dazu beigetragen, dass inzwischen tausende von Medienberichten in aller Welt zu dem Thema erschienen sind.

Mein Erstbericht half, dieses wichtige Thema in den Blickpunkt der amerikanischen Öffentlichkeit zu rücken. Seither haben viele Regierungswissenschaft-ler empört den öffentlichen Dienst verlassen, viele andere sind zutiefst demoralisiert von der offenkundigen Politisierung ihrer Arbeit wie auch der ideologisch begründeten Zensur, unter der sie gezwungen sind zu arbeiten. ...

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