|
VERSICHERUNGS-PR
Eines fernen Tages
Die Frankfurter Allgemeine bläst zum Sturm auf die gesetzliche Pflegeversicherung – mit den fragwürdigen Prognosen eines von Versicherungskonzernen bezahlten Wissenschaftlers.
Von Wolfgang Lieb
Dass der Bevölkerungsschwund in vielen Medien übertrieben dargestellt wird und dies auf die Lobby-Arbeit von Versicherungskonzernen zurückzuführen ist, wurde in Message 1/2007 bereits dargestellt. In der Rente haben die PR-Strategen den Durchbruch zur privaten Vorsorge geschafft, unter anderem mit Hilfe einer Kooperation zwischen der Allianz AG und der Bild-Zeitung.
Nun soll offenbar die gesetzliche Pflegeversicherung geschleift werden – als Sturmgeschütz dient dabei die Frankfurter Allgemeine.
Das Sommerloch hatte sich gerade erst aufgetan, da kam die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung am 29. Juli 2007 mit dem Titelaufmacher »Pflege wird sehr viel teurer« heraus. Darin heißt es, im Auftrag der Zeitung erstellte Berechnungen würden »beweisen: Spätestens im Jahr 2045 müssen Arbeitnehmer rund sieben Prozent ihres Einkommens für die Pflegeversicherung abführen. Das ist eine Steigerung um mehr als 300 Prozent im Vergleich zum heutigen Satz.«
Für Professor Bernd Raffelhüschen vom Freiburger »Forschungszentrum Generationenverträge«, der hier gerechnet hat, sind die Konsequenzen aus dem »erschreckenden Befund« offenkundig: Das umlagefinanzierte System müsse schnellstens reformiert werden. Am einfachsten ginge das bei der Pflege: »Noch können wir aus der umlagefinanzierten Pflegeversicherung aussteigen«, alarmiert Raffelhüschen.
Solche Sätze könnten auch aus der PR-Abteilung eines Privatversicherers oder Finanzdienstleisters kommen. Denn es versteht sich von selbst, dass jene die Pflegeversicherung gern ihrem Portfolio einverleiben möchten, schließlich summieren sich die Beiträge für die gesetzliche Pflegeversicherung auf über 16 Milliarden Euro pro Jahr. Dabei fällt ins Auge, dass Raffelhüschen zahlreiche Verbindungen zur Versicherungswirtschaft hat – was die FAS leider mit keinem Wort erwähnt.
»Mit freundlicher Unterstützung«
Der Professor sitzt etwa im Aufsichtsrat der Ergo-Versicherungsgruppe und tingelt für den Finanzdienstleister MLP als Vortragsreisender durch die Lande, um für die private Vorsorge zu werben. Sein »Forschungszentrum Generationenverträge« forscht im Schwerpunkt Alterssicherung »mit freundlicher Unterstützung der Victoria Versicherung und Ergo Peoples & Pensions«, wie es bis vor kurzem auf der Webseite hieß; zu den weiteren Förderern des Instituts zählen BDO Deutsche Warentreuhand AG, Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, Münchener Rückversicherungs-Gesellschaft, Sick AG, Süddeutsche Krankenversicherung a.G. und der Verband der privaten Krankenversicherung.
Dass im Förderverein des Forschungszentrums ein ehemaliger Vorstand der Ergo-Versicherungsgruppe sitzt und Raffelhüschen auch noch Berater der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft ist, rundet das Bild der Verflechtungen ab. Nun sollten wir uns der für einen Wissenschaftler bemerkenswerten Argumentation Raffelhüschens zuwenden.
Obwohl kaum ein seriöser Wissenschaftler eine genaue Prognose darüber wagen würde, wie hoch die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im kommenden Jahr sein wird, weiß der Freiburger Finanzwissenschaftler schon heute genau, wie hoch sie in knapp vierzig Jahren sein wird: »Im Jahr 2045 wird es ein Viertel weniger Berufstätige geben, die Beiträge zur Sozialversicherung zahlen«, heißt es im FAS-Artikel.
Wie alle, die die Alarmsirenen der Demografie-Katastrophe schrillen lassen, nimmt Raffelhüschen die Modellrechnungen (nicht: Prognosen) des Statistischen Bundesamtes als Grundlage. Dass diese Berechnungen unsicher sind, wissen die amtlichen Statistiker. Deshalb bieten sie selbst eine Vielzahl von Modellvarianten an. Danach liegt die Spannbreite der Bevölkerungszahl im Deutschland des Jahres 2050 zwischen 67 und 81 Millionen Menschen.
»Von Sicherheit keine Spur«, sagt dazu der Statistikprofessor Gerd Bosbach, der selbst einmal im Statistischen Bundesamt gearbeitet hat, und fügt hinzu, dass Vorhersagen der Bevölkerungsentwicklung lediglich bekannte Trends fortschreiben: »Strukturbrüche können sie nicht prognostizieren. Eine 50-Jahres-Prognose aus dem Jahr 1950 hätte weder den Pillenknick noch den Babyboom, weder den Zustrom ausländischer Arbeitnehmer und osteuropäischer Aussiedler noch den Trend zu Kleinfamilie und Single-Dasein berücksichtigen können.«
Die nächsten 20 Jahre völlig undramatisch
Doch selbst wenn man die von Raffelhüschen verwendete Modellrechnung als unumstößlich unterstellt, so müsste man seriöserweise denselben Daten entnehmen, dass ein nennenswerter Abgang an Erwerbspersonen und der damit verbundene Anstieg der Rentnerzahlen frühestens ab 2025 erfolgte. Dann nämlich, ...
|