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AFGHANISTAN
Bettler, Burkas und Bewaffnete
Das Afghanistan-Bild in deutschen Medien ist klischeehaft und einseitig, manchmal sogar falsch. Trotz Embedded-Einsätzen und Bundeswehr-Berichten gibt es eine Reihe von Tabuthemen.
Von Martin Gerner
In Afghanistan steht zurzeit das größte deutsche Militärkontingent seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Damit wächst auch der Bedarf an Aufklärung in einer zunehmend unübersichtlichen Gesamtlage am Hindukusch. Wie berichten deutsche Medien angesichts des wachsenden öffentlichen Interesses? Kommen sie dem gestiegenen Bedarf an Information nach?
Die Antwort ist ernüchternd: Die Berichterstattung über Afghanistan zeichnet ein grobschnittiges, häufig einseitiges, stereotypes, nicht selten falsches und weitgehend auf militärische Themen konzentriertes Bild über Land, Menschen und Zusammenhänge.
Rädchen der militärischen Propaganda?
Feste wie freie Journalisten fliegen regelmäßig mit der Bundeswehr nach Afghanistan. Es handelt sich um Gratisflüge, verbunden mit dem Interesse oder Einverständnis, etwas über die Bundeswehr am Hindukusch zu berichten. Der Mitflug wird oft auch als ein Stück Beruhigung in puncto Sicherheit empfunden. Und er ist praktisch: Bundeswehr-Presseoffiziere organisieren den Reportern vor Ort allerhand Gesprächspartner und Fahrten außerhalb der Kaserne.
Meist sind deutsche Journalisten eine Woche mit der Bundeswehr in Afghanistan. »80 Prozent der Reporter«, so schätzt einer von ihnen, »lassen sich dabei auf Vorschläge ein, die einem die Bundeswehr vor Ort macht.« Den meisten Journalisten fehle ein eigener Rechercheansatz.
Durch die gut funktionierende PR-Arbeit der Bundeswehr sind Medienvertreter grundsätzlich in Gefahr, zum Rädchen der militärischen Propaganda zu werden. Zumal wenn es um eine Anzahl relevanter Themen geht, die in der Begegnung vor Ort von den Militärs ausgeblendet werden.
So vermitteln deutsche Generäle gerne das Bild der Bundeswehr als »Armee der Menschenrechte«, die militärischen und zivilen Wiederaufbau vernetzt. Wenig erfährt man in unseren Medien darüber, dass Hilfsorganisationen die Nähe der Bundeswehr lieber meiden, weil sie darin eine Gefährdung ihrer Arbeit sehen. Das von Politik und Bundeswehr gepriesene »deutsche Modell der zivil-militärischen Zusammenarbeit« wird insgesamt kaum hinterfragt.
Dabei bestünde Anlass dazu. »Die Militärs sind Partei«, sagt Timo Christians von Caritas International in Kabul, »für uns als Hilfsorganisationen ist die Unabhängigkeit wichtig. «Auch die Deutsche Welt-hungerhilfe distanziert sich in jüngster Zeit von Vereinnahmungsversuchen der Bundeswehr in Kunduz und verlegt deshalb ihr Büro nach Taloqan im Norden. Zum Teil benutzt die Bundeswehr im Norden Afghanistans die gleichen weißen Landrover, die eigentlich den Hilfsorganisationen vorbehalten sind.
Nicht zur Sprache kommen auch Glaubwürdig-keitsdefizite der Isaf. So laufen im afghanischen Radio Werbespots auf Persisch und Paschtu, mit denen die Nato die »hearts and minds« der Menschen gewinnen will. Afghanen empfinden diese in einer steifen Sprache formulierten Spots als Propaganda, die sie an Sowjetzeiten erinnert.
Auch über sogenannte Tabu-Themen ist wenig bekannt. So sagt Thomas Leif, der sich als Chefreporter Fernsehen beim SWR und Vorsitzender von Netzwerk Recherche mit dem Thema von Deutschland aus beschäftigt hat: »Es gibt meines Wissens eine relativ hohe Suizidrate unter Soldaten der Bundeswehr in Afghanistan, auch Lagerkoller und Verunsicherung. Das ist offenbar eine enorme Realität, über die aber kaum berichtet wird.«
Der Journalist und ehemalige Message-Redakteur Lutz Mükke, der 2005 zwei Wochen lang in Afghanistan recherchierte, nennt eine der Schwierigkeiten bei der Arbeit: »Mir stieß auf, dass in den Bundeswehrlagern keine freien Interviews möglich waren. Ständig war ein Presseoffizier oder hochrangiger Dienstgrad an meiner Seite. Klar, dass einem die Soldaten unter solchen Umständen grinsend ins Gesicht lügen.«
In den Medien vermisst Thomas Leif eine breitere Diskussion darüber, »welche De-facto-Leistung in Afghanistan für die Bundesrepublik erbracht wird und was die Kostenfaktoren sind«. Weit über eine Million Euro kostet der Bundeswehr-Einsatz den Steuerzahler pro Tag. Zivile Mitarbeiter der Bundeswehr kritisieren hinter vorgehaltener Hand überflüssige Ausgaben. Lebensmittel und Getränke werden wegen geltender Sicherheitsstandards teuer importiert.
»Vergelt‘s Gott, Herr Botschafter«
Eine Recherche darüber ist vergleichsweise aufwendig. Einfacher sind Themen, die als Event daherkommen.
»Leberkäs für Kabul« zum Beispiel, eine Fernsehdokumentation des Bayerischen Rundfunks, die unlängst zur besten Sendezeit abends im ersten Programm der ARD ausgestrahlt wurde. Im Vordergrund steht der patriotisch-stimulierende Effekt bajuwarischer Fleischerkunst. Der Beitrag, der die Lieferung von mehr als 200 Kilogramm Leberkäse von Deutschland ins Feldlager der Bundeswehr nach Mazar-i-Sharif zeigt, endet mit dem Zitat: »Vergelt’s Gott, Herr Botschafter! Wir werden diesen Leberkäse mit viel Spaß und großem Genuss verzehren und dabei an unsere Heimat denken.« Eine naiv-deutschtümelnde Form der Bericht-erstattung. Zudem leistete die deutsche Botschaft Kabul finanzielle Hilfe bei diesem Unternehmen. Kein einziger Afghane kommt in der 30-Minuten-Reportage ausführlich zu Wort. Die Einheimischen sind hier lediglich Zaungäste.
Reiner Metzger aus der Chefredaktion der Taz ist, was die Berichterstattung über die Bundeswehr angeht, entsprechend skeptisch: »Wenn Sie über unsere Jungs am Hindukusch berichten wollen, sind Sie in der Heereskaserne natürlich genau richtig. Aber es bleibt fragwürdiger ‚embedded journalism‘. Vergleichbar mit der Situation im Irak.«
Tabuthema Korruption
Ein in deutschen Medien vernachlässigtes Thema sind außerdem Korruption und Vorteilsnahme auch auf Seiten internationaler Akteure oder Beraterfirmen. Zwar stach der Spiegel im März 2005 mit seinem Artikel über »versickernde Milliarden« in ein Wespennest. In dem Beitrag ist auf fünf Seiten von Schlamperei und illegaler Bereicherung bei afghanischen wie internationalen Hilfsorganisationen und Beraterfirmen die Rede. Auch die Namen deutscher Organisationen tauchen in dem Beitrag auf. Seitdem sucht man in der Presse vergeblich nach einer Fortschreibung. Vermutlich, weil die Interessen zu vieler Akteure hier miteinander verwoben sind.
Ein anderer blinder Fleck sind die Parallelwelten, in denen Ausländer und Afghanen in Kabul leben. Hinweisschilder wie »No Afghans in this restaurant« werfen grundsätzliche Fragen an das gesamte Afghanistan-Engagement auf. Zu selten wird hier genau hingeschaut.
Fehlende Korrespondenten
Niemand bestreitet ernsthaft, dass der fehlende Tiefgang in der Berichterstattung mit der Tatsache zusammenhängt, dass kein deutsches Medium einen ständigen Afghanistan-Korrespondenten hat. Auch Bundestagsdelegationen, die Afghanistan bereist
haben, wundern sich ...
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