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Rauters Kolumne

Wörter als Sprühnebel

Die meisten Schreibenden ersetzen Darstellung durch Verhalten. Sie meinen, je wilder sie sich beim Berichten verhalten, umso größer erscheine der Gegenstand,

Ein Mann fragt einen Bekannten: "Wie viele Menschen waren während der Rede vor dem Schöneberger Rathaus?" Dieser greift sich eine Hand voll Sand, lässt ihn von der Handfläche rieseln und sagt: "Zähle die Körner." Sehen überzeugt. Er hätte auch sagen können: "48.000" oder "unglaublich viele." Im ersten Fall wäre die Antwort astrakt, im zweiten Fall wäre sie abstrakt mit anderem Akzent.

Die meisten Schreibenden und Sprechenden möchten von Wichtigkeit und Größe des Ereignisses, über das sie berichten, weniger durch Darstellung überzeugen als durch ihre Reaktion auf dasselbe. Sie meinen, je wilder sie sich beim Berichten verhalten, umso größer erscheine der Gegenstand. Sie verbinden die Lautstärke ihrer Stimme, die Heftigkeit beim Zucken ihrer Schultern oder die Häufigkeit von Beteuerungsformeln beim Schreiben mit dem Geschehnis. Sie ersetzen Darstellung durch Verhalten.

Das kostet weniger Kraft. Was man an Kraft nicht in den Text steckt, an Feinheit der Wahrnehmung nicht herausarbeitet, kommt an Faszination nicht heraus. Verstehen ist ein anderes Wort für Erlebnisse des Wiedererkennens beim Leser. Sie veranstalten den Reiz.

In einer Ausgabe der Zeitschrift Der Spiegel vom 29. August 2005 steht unter der Überschrift: "Die Kunst der Sozialklempner" der Satz: "Der Staat hat sich von diesem Gedanken nicht verabschiedet. Aber er entfernt sich von ihm. Er ist damit beschäftigt, sich selbst zu retten." Der Staat denkt. Er denkt darüber nach, wie er sich retten könnte.

Wir haben im Laufe unseres Lebens die Auffassung übernommen, der so genannte Staat bestehe aus allem Möglichen, aus Beamten, Funktionären verschiedener politischer Parteien, Polizisten und Soldaten, Ministern, deren Autowäschern, Toiletten, Büroräumen, Schreibtischen und Telefonapparaten. Der Leser ahnt, das und mehr ist gemeint mit dem Wort "Staat".

Was er nicht genau genug erkennt, wodurch diese ganze Versammlung gefährdet ist und wie sie sich vor der Gefahr rettet. Wir ahnen, es geht um Geld, um Schulden. Sollen wir annehmen und wünschen, die Abgeordneten des Bundestags sollten ab jetzt nur noch Buttermilch trinken und die Rentner Margarinebrot essen? Sind Rentner auch Staat? Bin ich Staat? Gleichzeitig sind wir davon überzeugt, weder die Abgeordneten noch die Minister werden, um den "Staat" zu "retten", in Zukunft von Buttermilch leben. Wie also retten wir den "Staat"? Wovor retten wir ihn? Kann der S-Bahnführer in Hamburg oder der Lyriker in Bremen etwas dazu tun, dass der Staat nicht untergeht?

Das mag sich lesen wie ein Kabarett-Text. Ein Beispiel wie dieses aber zeigt, wie leicht es ist, mit einer abstrakten Vokabel verständlich zu wirken, während weder der Autor versteht noch der Leser. Beide bleiben davon überzeugt, sie hätten verstanden.

Wörter verfilzen leicht unsere Wahrnehmung. Wörter stellen sich manchmal vor die Wirklichkeit. Ein anderes Beispiel aus dem Spiegel vom 29. August 2005: "In der Kluft zwischen den unverminderten Ansprüchen der Bürger und den schwindenden Leistungen des Staates versuchen Leute wie Wagner, die Lücken zu schließen."

Wagner ist Arzt. Der Redakteur der Zeitschrift behauptet von ihm, dieser suche in einem Loch nach Löchern. Der Arzt möchte die "Kluft des Sozialstaats" schließen. Es mag nach Haarspalterei klingen, doch die Aussage ist falsch.

Der Leser bezahlt Ungenauigkeit wie solche mit Langeweile. Langeweile entsteht, wenn der Journalist keine Wiedererkenntnisse erzeugt. Das Ungefähre ruft kein Erlebnis auf. Der Arzt schließt keine "Staatslücke", er stopft ab und an ein Mikrolöchelchen in der Wand der "Kluft". Der afrikanische Bergaffe Orang-Utan (in malaiisch "Waldmensch") ist zu 98,5 Prozent seiner Gene identisch mit uns. Auf unserer Haut befinden sich ebenso viele Haarwurzeln, wie beim Schimpansen. Die Differenz zu diesen Brüdern, die Größe unseres Gehirns, unsere Fähigkeit, Erfahren speichernd zu sammeln und Geschehnisse vorauszusehen und zu planen und nicht zuletzt der größere Rachenraum, ließ uns Sprache entwickeln und die Fähigkeit zu Artefakten, wie Musik, Architektur, Malerei, Texten, Satelliten. Doch wir bleiben Säugetiere, die begrenzt über Energie verfügen. Diese alte Erkenntnis wäre nicht wert, an sie zu erinnern, wäre es nicht unsere Natur, auch beim Schreiben mit unserer Energie hauszuhalten. Ohne den üblichen Aufwand an Energie, um aus den Wörterwolken herauszukommen, lassen sich keine Texte schaffen, die beim Leser zu Erlebnissen werden.

Eine andere Hauptschwäche von Tagestexten besteht in selbstverliebter Unverständlichkeit, oft verbrämt mit philosophischem Ehrgeiz. Sie kommt häufig vor.

Ein Beispiel aus der Süddeutschen Zeitung vom 2. November 2005 mit der Überschrift "Fuchs in der Falle" und der Unterzeile "Schröder muss den Willy Brandt machen": "Überraschende Entwicklungen verlangen ungewöhnliche Antworten. Man muss sich an historische Parallelen erinnern und personelle Konstellationen variieren. Dann liegt auf der Hand, was zu tun ist. Der Schlüssel für die unwahrscheinliche Wende der gegenwärtigen Krise der SPD liegt in der ersten großen Periode der deutschen Sozialdemokratie nach dem Zweiten Weltkrieg. Gerhard Schröder muss jetzt den Willy Brandt machen."

Der Unterschied zwischen literarischen und journalistischen Sätzen liegt nicht in deren Verständlichkeit.