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Wenn die Kräfte schwinden

Panorama, das erste deutsche Politmagazin, wird im Sommer fünfzig Jahre alt. Die Magazine haben an Bedeutung verloren. Liegt es am System oder an den Machern? Zeit für eine kritische Bilanz.

Von Christoph Maria Fröhder

Ein Seniorenheim im Frankfurter Westend: Wenn donnerstagabends Panorama gesendet wird, herrscht im Fernsehraum Ausnahmezustand. Der 93-jährige Kalle besteht auf absoluter Ruhe. Die notorischen Schwätzer flüchten, denn bei Störungen kann der alte Herr ziemlich ungehalten werden. Kalle heißt eigentlich Karl-Heinz und ist Genießer, zumindest wenn es um das Fernsehprogramm geht. 

In den vergangenen 50 Jahren hat er fast alle Sendungen von Panorama gesehen. Die Moderatoren nennt er beim Vornamen, über Anja Reschke spricht er, als sei sie seine Enkelin. Schließlich hat er einen Teil seines Lebens mit ihnen verbracht: Patricia Schlesinger, auch sie moderierte einst die Sendung, beschreibt er so lebensnah, als würde er sie persönlich kennen. Zum gemeinsamen Fernsehabend mit mir kam es erst, nachdem ich versprach, mich um Autogrammkarten von beiden Damen zu bemühen.
Kalle ist Stammzuschauer, eine Spezies, die die Politmagazine brauchen, die aber langsam auszusterben droht. Und er ist, wie auch Panorama, ein Stück bundesdeutscher Geschichte. Fünf der sechs ARD-Politmagazine werden im neu angebrochenen Jahrzehnt ihren fünfzigsten Geburtstag feiern. Panorama macht den Anfang im Reigen der Jubilare. Am 4. Juni 1961 ging der Stammvater der Politmagazine zum ersten Mal auf den Sender.
 
Abgeschoben und zusammengekürzt

Waren die Politmagazine einst die Schmuckstücke, die Königskinder der öffentlich-rechtlichen Anstalten, so werden sie im Laufe der Zeit zunehmend wie Schmuddelkinder behandelt, die ungezogenen Bälger des öffentlich-rechtlichen Systems – abgeschoben und zusammengekürzt, immer weniger schlagfertig.
Die Gründe dafür sind vielfältig, sowohl die Macher selbst tragen Verantwortung als auch die Chefs aus den Funkhäusern: Zu oft waren die Magazine für Probleme mit der Politik verantwortlich. Eigentlich sollte das ja ein zentrales Merkmal der Politmagazine sein – und von der Sendeleitung gedeckt werden. Doch das öffentlich-rechtliche System respektiert die Magazine nicht mehr so, wie es dies in den Anfangsjahren tat. Of­fene Dro­hungen konservativer Politiker sind zwar seltener  geworden, doch dafür gibt es wellenförmig neue Kontroll­formen. So wäre es früher un­­denk­bar ge­wesen, dass ein Poli­tiker mit Sitz im Rundfunkrat sich persönlich über eine Ge­schichte beschwert, die sein Ressort oder gar ihn selber betrifft. 

Heute ist diese vornehme Zurückhaltung der frühen Jahre zur Ausnahme geworden. Als Autor kann man nur mutmaßen, welcher Politiker verantwortlich ist, wenn es wieder Ärger mit dem Programmdirektor gibt – um den genauen Inhalt von Sitzungen der Rundfunkräte wird traditionell ein großes Geheimnis gemacht.

Massive politi­sche Einfluss­nahme, zum Beispiel bei Per­­sonal­­ent­schei­­dun­gen, hat eine neue, glatte Ge­ne­ra­ti­on von Fü­hr­ungs­kräften bei den öffent­lich-re­cht­li­chen Anstalten in Schlüsselpositionen gebracht. Für sie ist – nach meinen Erfahrungen – der Friede mit der Politik wichtiger als die brisante Enthüllung.  Durch diese Verschiebung wurden die politischen Magazine des Schutzes beraubt, der für ihre Arbeit zwingend notwendig ist.
Wer, wie ich, in den sechziger bis achtziger Jahren von Justiziaren noch den trockenen Ratschlag erhielt: »Formulieren Sie es doch so und so, dann sind wir unangreifbar und in der Sache sogar noch schärfer«, trauert den Zeiten nach, als zumindest einige der öffentlich-rechtlichen Alphatiere noch unbedingt hinter ihren Politmagazinen standen und sie lautstark verteidigten. Zum Beispiel 1974, als auf Druck der bundesweiten Indendanten­konferenz ein Beitrag von Alice Schwarzer aus dem ARD-Programm genommen wurde. NDR-Intendant Martin Neuffer stellte sich hinter die Panorama-Redaktion, sendete den Beitrag in seinem dritten Programm und schickte ihm eine persönliche Ansprache an die Zuschauer vor­aus­. Oder als  NDR-Chefredakteur Peter Staisch anlässlich eines zuvor vom Intendanten gekippten Beitrages über die Anti-Atom-Bewegung rief: »Ich will nicht länger Chefredakteur sein, wenn dieser Beitrag nicht gezeigt werden darf!«

Das Gleichgewicht ist bedroht

Ein paar Jahre später lief das Spiel andersherum: Christdemokrat Staisch kippte einen Beitrag über Wehrdienstverweigerer aus dem Programm, Programmdirektor Rolf Seelmann-Eggebert und der stellvertretende Intendant Jobst Plog sorgten dafür, dass der Beitrag doch gesendet wurde. Oft gab es ein Gleichgewicht der Kräfte im jeweiligen Sender.  Dieses Gleichgewicht ist heute bedroht. 

Ein Beispiel: Die Verschiebung von Magazinen wegen irgendwelcher Sportereignisse hat es zwar schon immer gegeben. Doch früher waren die Magazin-Chefs in die Entscheidung eingebunden und konnten oft als Kompromiss wenigstens einen späteren Sendetermin aushandeln. Heute wird der Ausfall der Sendung meist nur noch auf dem Dienstweg mitgeteilt. 

Politmagazine sind aus der Sicht der Ent­schei­dungs­träger in der ARD längst zur Schiebeware verkommen. Dabei ist der feste Sendeplatz und der sogenannte Programmvorlauf von großer Wichtigkeit für das Funktionieren eines anspruchsvollen Programms. Auch die Politmagazine hängen am Tropf der vor ihnen laufenden Sendungen. Je höher die Zuschauerzahl dort ist, umso höher Quoten und Marktanteil der Magazine, weil der Zuschauer aus Bequemlichkeit gerne weiterschaut. 

Aber nicht nur schwindender Respekt setzt den Politmagazinen zu, auch die Ressourcen werden knapper. Manchmal grenzt es an ein Wunder, wenn die Sendung fertig wird. Ein Grund ist die zum Beispiel bei Panorama dramatisch kleine Zahl der festangestellten Redakteure. Wenn zwei, drei Kollegen krank werden, dann hat Redaktionsleiter Steinhoff nur noch einen festangestellten Redakteur. Was die Situation …

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