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Plagiat im Journalismus

Schiefes Wissen

Ein Erdbeben wirft den Globus um, kluge Leute haben mehr Orgasmen und Wein lässt Frauen schrumpfen: Das Phänomen von Copy & Paste im Wissenschaftsjournalismus treibt seltsame Blüten.

Von Wolfgang C. Goede

Unsere Medienwelt ist eine schillernde Seifenblase geworden. Ein Pieks bringt sie zum Zerplatzen. Dieser Verdacht erhärtet sich für mich seit dem 3. März, als morgens das Telefon klingelte und meine Tochter mir aufgeregt ins Ohr rief: »Papa, was ist denn los? Unsere Tage werden kürzer, bald brechen überall Vulkane aus, ich hab Angst!« Schuld daran sollte das Erdbeben Ende Februar in Chile gewesen sein. »Da ist den Radiomachern bei euerm Uni-Funk in Münster die Fantasie durchgegangen«, versuchte ich sie zu trösten, warf aber sogleich einen prüfenden Blick in die Süddeutsche Zeitung. Tatsächlich, da stand es, prominent auf der Titelseite: »Erdbeben verkürzt Tageslänge.« Wenig später stand unsere Hospitantin Caroline Braun im Büro, ebenfalls  aufgekratzt, um Themen für die P.M.-Online-News abzusprechen: Die Verkürzung der Tageslänge sei die Spitzenmeldung des Tages, das ganze Netz schwirre davon.

Wie die Lemminge

Wir beschlossen, der angekündigten Katastrophe auf den Grund zu gehen. Kurz darauf war Frau Braun zurück, ein Papier mit der Ursache schwenkend. Am 1. März hatte die Nasa folgende Meldung ins Netz gestellt: »Chilean quake may have shortened earth days«, wohlgemerkt mit »vielleicht« eingeschränkt. Grund: Die Erschütterungen hatten Gesteinsmassen im Erdinnern verschoben, die Erdachse gekippt und die Erdrotation beschleunigt. Das resultiere in einem winzigstkleinen Verlust von 1,26  Mikrosekunden in 24 Stunden. Diese Bagatelle hatte nun ein Großteil der deutschen Medien übernommen. Wie die Lemminge hechelten alle diesem vermeintlichen Nasa-Steilpass nach. Die Meldung wurde vielfach ungeprüft übersetzt und umgehend veröffentlicht, wie beispielsweise bei Zeit Online oder bei Scinexx, dem Wissensmagazin des  renommierten Spektrum-Verlages. Nur bei Spiegel Online, das über einen ausgewiesenen Geo-Experten verfügt, wurde weiter recherchiert – und die Nachricht zusätzlich aufgebauscht: Die Unwuchten könnten bald auch schlafende Vulkane wachrütteln.

Bild.de ließ die Erde wieder geraderücken

Doch schon kurz nach Mittag an diesem denkwürdigen Märztag ruderten die Medien zurück. Bild.de ließ die Erde wieder geraderücken – von deutschen Forschern, die sich einig waren: »Die angebliche Sensation ist völlig haltlos«, und auch Zeit Online wusste tags darauf: »Ständig verändert sich die Rotation des Planeten«, etwa unter dem Einfluss von Winden, aber selbst schwere  Meteoritentreffer hätten »keine dauerhaften Auswirkungen«, versichert der Geophysiker Gerhard Jentzsch von der Universität Jena.

Was sollen wir aus dieser Kakofonie journalistisch machen, fragten wir uns. Weitere Recherchen unserer Hospitantin erbrachten genau das Gegenteil der von den deutschen Medien gehypten Schlagzeile. In Wirklichkeit werden die Erdtage länger, weil der Mond die Erdrotation bremst. Daran kann kein Erdbeben dieser Welt rütteln. Aus diesem Material entstand die P.M.-Online-News mit der Überschrift »Wann kommt der 25-Stunden-Tag?«, zusätzlich dazu eine kritische Reflexion im Blog »Wissenschaft für alle!« mit dem Titel »Geburt eines Mythos«.

Die schräge These dankbar nachgeplappert

Die Legende von den kürzer werdenen Tagen ist seit Anfang März verankert im globalen Gedächtnis. Tippt man die vier Schlagworte »Chile earthquake shorter days« in die Google-Suchmaske, erscheinen auf dem Monitor weit über 200.000 Treffer aus der englischsprachigen Welt, darunter an erster Stelle der US-TV-Sender CNN, der sich aus Spargründen unlängst von seiner gesamten Wissenschaftsredaktion verabschiedete. Bereits an sechster Stelle der britische New Scientist, für Viele das Leitmedium unter den Wissenschaftsmagazinen. Unsere Hospitantin, eine 20-jährige Studentin der Medienwissenschaften und Informatik, benötigte gerade mal eine halbe Stunde, um den gesamten Vorgang rund um die Nasa-Mitteilung abzuklopfen. Die US-Weltraumbehörde hatte sich einmal mehr in Pose geworfen und glänzte mit dürftigsten Aussagen, die die Weltelite der Nachrichten-Profis ungeprüft und geradezu dankbar nachplapperte. Die Schrägheit der These versprach Einschalt- und Klick-Quoten sowie Auflagenzuwächse.

Sexy Wissensthemen

Sind solche Durchknaller eine Ausnahme oder der  Regelfall in den heutigen Medien? Copy & Paste, ein vertrauter Handgriff bei der täglichen Arbeit am Rechner, ist im Journalismus auf dem Vormarsch und scheint zumindest bei Wissenschaftsthemen reflexartig eingesetzt zu werden. Das erklärt sich aus der hohen Komplexität vieler Themen, die sich oft nur mit viel Zeit und Sachverstand auf verständlichen Lesestoff herunterbrechen lassen. Damit dann auch noch journalistisch-kritisch umzugehen, nach Nutzen, Sinn und Unsinn zu fragen, das überfordert viele Redakteure, selbst die mit naturwissenschaftlichem Hintergrund. Hinzu kommt, dass Wissensthemen sexy geworden sind und sich gut verkaufen lassen – umso besser, je mehr sie die Emotionen ansprechen, Reizthemen bedienen und insgesamt ein wenig schlüpfrig sind. Wer wollte solche Schätze in diesen ökonomisch schlechten Zeiten kaputt recherchieren? 

»Für erfolgreiches Publizieren gilt eine einfache Regel«, schrieb unlängst der Politikwissenschaftler Stefan Soutschek: »Sex, Gewalt und Drogen – wer sich als Forscher mit einem dieser Themen befasst, hat hinterher gute Karten, sich in den Wissensteilen diverser Zeitungen zu finden.« Besonders US-amerikanische Wissenschaftler scheinen diese Regel gut zu beherrschen. Das Medienecho auf ihre Forschung ist eine wichtige Quelle zum Einwerben von Forschungsmitteln. Ein Professoren-Team schaffte es, …

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